Kultur : KURZ & KRITISCH

Sandra Luzina

TANZ

Die neue

Jugend

Am Vormittag spielten sie vor jüdischen Schülern aus Berlin, abends traten die fünfzehn Tänzer des Batsheva Ensembles aus Tel Aviv im HAU II vor Erwachsenen auf. Sie suchen beherzt den Kontakt: schenken uns intensive Blicke, ergreifen unsere Hand. Ziehen einen Widerstrebenden auf die Tanzfläche. Und sie sind unwiderstehlich, diese wilden Jungen und Mädchen der Junior-Compagnie. Ihr Stück „Kamuyot“ ist für ein jugendliches Publikum konzipiert. Batsheva-Chef Ohad Naharin bildet nicht nur junge Tänzer aus, ihm liegt auch die Heranbildung eines verständigen jungen Publikums am Herzen. Ebenso wie die HipHopClowns aus L.A. sorgten die Israelis für Begeisterung beim Tanzfestival „ Context “ im HAU. Das steht diesmal ganz im Zeichen der neuen Jugendbewegung. Choreografen wie Sasha Waltz unterrichteten jüngst an Berliner Schulen – mit überwältigender Resonanz. 200 Schüler nehmen derzeit an den Workshops teil, die das HAU anbietet.

„Kamuyot“ ist purer Tanz, der blitzschnell die Codes wechselt. Verrückt und virtuos. Es herrscht totale Gleichzeitigkeit, zu einer Collage aus TV-Trailern und japanischer Popmusik zappen die Tänzer durch dieses stilistische Durcheinander. Hinreißend ihr Überschwang und Übermut. Alles Formale sprengen sie auf mit ihrer unbändigen Energie und Ausdruckslust. Wer nicht mitmacht, sieht ganz schön alt aus.

KLASSIK

Die Neue

Musik

Kaum zu glauben: Der Werner-Otto-Saal im Konzerthaus ist rappelvoll, obwohl es Neue Musik zu hören gibt. Des Rätsels Lösung heißt Jochen Kowalski , als Altist ein gefeierter Sänger vieler Inszenierungen der Komischen Oper. Bevor der seine Fans begeistert, müssen die aber zunächst mal durch die erste Hälfte des Programms, wo vor allem „Aschenblume“ des jungen Italieners Mauro Lanza in Erinnerung bleibt. Lanza beschreibt die Bildung und den Zerfall von Figurationen, Klänge setzen sich wie Kaffeesatz allmählich ab, verkrusten sich, verschwinden schließlich ganz. Das neunköpfige Ensemble unitedberlin unter der Leitung von Ferenc Gábor lässt die komplex in einander verschachtelten Rhythmen des Stücks gleich feinmechanischen Getrieberädern durcheinander surren.

Danach gibt es vier Songs für Countertenor und Ensemble von Olga Neuwirthdie sie als Hommage für den bizarren Sänger Klaus Nomi komponiert hat. Vier Nomi-Songs hat Olga Neuwirth für eine ziemlich schräge Ensemblebesetzung mit verstimmter Gitarre bearbeitet, ein Lamento von Henry Purcell findet sich neben dem „Simple Man“ von Kristian Hoffmann. Prädestiniert zur Zugabe ist aber vor allem die metrosexuell angehauchte Version von Holländers „von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“: Hier kann Jochen Kowalski seinen Charme zwischen Marlene Dietrich und Harald Juhnke changieren lassen, der Saal tobt.

Ulrich Pollmann

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