Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Wenn Trommelwirbel

Feste feiern

Man holt sie für Bach und Händel, und dabei können sie viel mehr: Etliche der Dirigenten, die durch die historische Aufführungspraxis berühmt wurden, sind in Wahrheit Allrounder, ihr „Back to the roots“-Interpretationsprinzip taugt für die Chiffren der Moderne ebenso wie für die Vokalpolyfonie der Renaissance. Auch Paul McCreesh beweist an der Komischen Oper im Orchesterkonzert seine Universalität: Bis zu Witold Lutoslawskis 1980 entstandenem Doppelkonzert für Oboe und Harfe (mit den Solisten Nigel Shore und Marie-Pierre Langlamet), wagt sich das Programm vor. In dessen engmaschigen Rhythmen und luziden Klangwirkungen findet McCreesh ebenso zu einer natürlichen Balance von Finesse und Vitalität wie in einer Ouvertüre der französischen Romantikerin Louise Farrenc, deren etwas konventionelle Formerfüllung so immerhin elegant überspielt wird.

Die Stunde des Orchesters schlägt allerdings erst mit der „Eroica“: Zuzuhören, mit welcher Leidenschaft die Musiker McCreeshs Impulse aufnehmen, macht einfach Spaß. Vom ersten, knallig ausgespielten Tuttischlag an läuft Beethovens Dritte hier wie am Schnürchen: Das aufgelichtete, durch die staubtrockene Akustik der Komischen Oper noch verstärkte Klangbild und die forschen, unerbittlich durchgehaltenen Tempi sind kein Selbstzweck. McCreesh nutzt diese Vorgaben, um zu zeigen, wie schon der Kopfsatz immer wieder aus seinem musikalischen Material heraus vorantreibende Energien entwickelt. Faszinierend beispielsweise, wie die Kontrabässe ihren Einsatz am Ende des Marschthemas im zweiten Satz nicht wie üblich vergrummeln, sondern es mit plastischem Ton wie einen verdeckten Trommelwirbel klingen lassen und so die feierliche Stimmung halten. Der Abend zeigt auch, dass man für eine Interpretation im Geist der historischen Aufführungspraxis keine Originalinstrumente braucht – ebenso wenig wie Spezialisten.

LIED

Ein Jüngling liebt

ein Mädchen

Wer je bei Heinrich Heine die „Gefühlstiefe“ vermisst hat, der sollte diese „Dichterliebe“ hören: Bei dem grandiosen Sänger Ian Bostridge wird der Schumann-Zyklus zu einer Winterreise durch Traum und Tränen. Kein ironischer Vorbehalt, auch wenn „Perlentränentröpfchen“ fallen. „Im wunderschönen Monat Mai“ beginnt die unglückliche Liebesgeschichte, deren Erzählung das Publikum im Kon zerthaus über den letzten Ton hinaus in Atem hält. Julius Drake ist kein Virtuose, aber ein Pianist, der Dichtung begleitet. So malt er in der Sechzehntelbewegung „Das ist ein Flöten und Geigen“ eine Dorfmusik. Im Pianissimo aber steckt die Verzweiflung des sarkastischen Gesanges: Die Liebste heiratet einen anderen.

Die Wiederbegegnung mit Bostridge nach dem Schubertabend 2004 bestätigt, dass seine Begabung ins Außerordentliche geht. Bezaubernd britisch klingt aus seiner Tenorstimme die Liebe zur deutschen Sprache, zu Lilien und Nachtigallenchor. Schmal und hochgewachsen, verdankt der Sänger einer ungewöhnlich lockeren Haltung seine künstlerische Konzentration. Bei Nachspielen scheint er sich in den Flügel versenken zu wollen, und einmal steckt er die Hände in die Hosentaschen, wenn die alte Geschichte anhebt: „Ein Jüngling liebt ein Mädchen.“

Von Schmerz sieht auch Justinus Kerner die Poesie durchglüht, und Schumanns Vertonungen des Dichters nehmen die Stimmung der Heine-Lieder auf. Dort die mitleidigen Blumen, hier die im Kloster verschwindende Geliebte: Ein heller, immaterieller, dennoch zärtlicher Ton steht bei Bostridge für das Unerreichbare. Sybill Mahlke

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