Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

In der Stille

ruht die Kraft

Eine Generalpause in der Musik bedeutet das gleichzeitige Pausieren aller Stimmen. Ein Moment des Schweigens also, von denen es in der monumentalen Symphonik Anton Bruckners unzählige gibt. Wenn nun Marek Janowski , der zu den wichtigen Bruckner-Interpreten nach Günter Wand zu zählen ist, mit einem singenden Adagio die fünfte Symphonie einleitet, dann sind die Generalpausen mehr als Zäsuren zur Interpunktion, nämlich erfüllte Zeit. Es ist bezwingend, wie dieser Dirigent mit seinem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin das riesige Werk ohne jeden falschen Nachdruck ausbreitet. 80 Minuten Spannung in der Philharmonie. Das liegt zunächst darin, dass der Organismus der Sätze, ihre Struktur bei Janowski sicherer Besitz sind. Die Tempi, die seine musikalische Intelligenz ihm diktiert, „stehen“ und stimmen, und die Musiker fühlen mit ihm, wie die Tempomodifikationen aufeinander bezogen sind. So entsteht Flexibilität im Zusammenspiel: Das Scherzo ist ein Beispiel dafür, weil hier in dem Kosmos der Symphonie auch das Anheimelnde Raum hat.

Weihevolle Gefühle und dumpfes Raunen gibt es nicht in dieser Lesart, aber Vielfalt, Feinheit, Nuancen, Pianissimo. Das Pizzikato mit dem lieblichen Oboensolo im zweiten Satz steht dafür ein – wie überhaupt die Differenzierung des Klanges in allen Registern, die als vielstimmige Gebilde belebt werden. Im Finale blüht die Fuge auf, nachdem der berühmte Klarinettenruf in die vorbereitende Stille gedrungen ist. Und Janowski ist ein Meister der Bruckner’schen Steigerungen, weil er sie stets aus der Ruhe entwickelt, bis zum gigantischen Fortissimo.

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CHANSON

In der Gegenwart

siegt die Legende

Es sollte kein Gisela-May-Abend werden – und wurde es letztlich irgendwie doch. Gut so: Denn was ist schon ein „Lecture-Konzert“ zu Hanns Eisler und Paul Dessau im Werner-Otto-Saal des Konzerthauses „mit Gisela May als Gast“? Dabei bemühte sich die legendäre Diseuse und Schauspielerin redlich, bei den kurzen Darbietungen von Liedern ihrer beiden Weggefährten die „Einordnung in den Kontext“ nicht zu vergessen. Denn die hatte der moderierende Pianist Stefan Litwin schließlich von ihr erbeten. Durchaus nicht zu Unrecht: Dass die May etwa ihren Vortrag von Eislers „Lied vom Kelch“ kurz unterbrach, um ein paar Bemerkungen über Einflüsse böhmischer Musik in der Klavierbegleitung einzuflechten, zeugte von einer Größe, die sehr wenigen Legenden eigen ist: nämlich der, trotz des lustvollen Schwelgens in Erinnerungen für einen Moment von sich abzusehen. Das in den Augen funkelnde Verlangen, ihre Stücke vorzutragen, hätte man allerdings auch gerne bei Litwin gesehen. Dessen lupenreine Interpretation von Dessaus Klavierstück „Guernica“ würde sich zwar zu Haus neben der Reproduktion des gleichnamigen Gemäldes von Picasso gut ausmachen. An den Krieg dachte man bei Gisela May dagegen schon dann, wenn sie noch gar nicht sang, sondern nur von Erinnerungen an das Geräusch von Panzerketten erzählte – oder in einem nicht vorbereiteten Exkurs von dem dreifachen „forte“ erzählte, das Paul Dessau für sie hinter eine Komposition eines Liedes zum Vietnamkrieg schrieb. Sehr geschmackvoll und belebt trug die junge Sopranistin Stefanie Wüst einige Kunstlieder von Eisler und Dessau vor. Nur agitatorischen Pazifismus kann man nicht in Meisterklassen lernen. Carsten Niemann

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ARCHITEKTUR

In der Landschaft

liegt die Einheit

Architektur kann spektakulär sein, ohne sich im Spektakel zu erschöpfen. Den Beweis dafür tritt der Spanier Fernando Menis mit dem neuen Kongresszentrum auf Teneriffa an, das sich aus der Flut der Architekturikonen heraushebt, die ansonsten von den Stars der Baukunst weltweit verstreut werden. Ein Unbekannter ist auch Menis nicht mehr, dem sich die Ausstellung „Topography and Materiality“ bei Aedes East widmet (Hackesche Höfe, bis 19. März, Katalog 10 €). Mit seinen ehemaligen Partnern aus dem Architekturbüro AMP feierte er auf den Kanarischen Inseln bereits zahlreiche Erfolge. Und in Berlin haben sie das kultige Schwimmbecken auf die Spree gesetzt. Das neue Kongresszentrum spielt allerdings in einer anderen Liga: Plastisch durchgebildet schmiegt es sich in die terrassierte Landschaft der Insel. Dreizehn mächtige Betonelemente mit rauer Oberflächenstruktur bilden das Rückgrat des Bauwerks; darüber legt sich eine sanft gewölbte Dachlandschaft aus Faserzementplatten. Statt verdrehtem Frank O. Gehry oder monumentalisierter Zaha Hadid hat Fernando Menis ein organisches Bauwerk von archaischer Schönheit geschaffen. Doch der Bau ist kein Selbstzweck: Er fügt sich nahtlos in die vulkanische Topografie der Insel ein und schafft zugleich gestalteten Raum. So entsteht jene spektakuläre Einheit aus Landschaft und Architektur, die dem Ort seine besondere Qualität verleiht. Jürgen Tietz

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