Kultur : KURZ & KRITISCH

Jürgen Tietz

ARCHITEKTUR

Der Ingenieur

und die ideale Fabrik

Allzu selten wird die Leistung von Ingenieuren im gleichen Maße gewürdigt wie die der Architekten. Büros wie das Weltunternehmen Ove Arup & Partners bilden die Ausnahme. Dem Missstand will künftig die Ingenieur-Kunst-Galerie in Berlin abhelfen. Dabei versteht sie sich nicht allein als öffentliche Plattform für Ingenieure, sondern sucht zugleich den Austausch mit Architekten. Ihre dritte Ausstellung, die dem Büro Neugebauer und Rösch gewidmet ist, erinnert allerdings eher an eine klassische Architekturausstellung (Schröderstraße 2, Mitte, bis 13. März). Unter dem Titel „Die produktive Form“ stehen zwei Industriekomplexe des Stuttgarter Büros im Zentrum. Für das Maschinenbauunternehmen „Emag“, haben Sonja Neugebauer und Robert Rösch auf 8000 Quadratmetern eine „Idealfabrik“ entworfen. Weit größer ist der zweite Komplex für die „Getrag“, der ebenfalls in Baden-Württemberg steht: Er umfasst stolze 40 000 Quadratmeter. Und weil hier Zahnräder hergestellt werden, erinnern die vier kammartig angeordneten Riegel des Verwaltungstraktes an den Ausschnitt eines Zahnrades. Hinter ihnen schließt sich eine Halle für Musterbau und Versuche an. Verwaltung und Forschung werden so in einem architektonischen Guss an dem ländlichen Standort konzentriert. Entsprechend der Bauaufgabe erweist sich die Formensprache der beiden Industriekomplexe als technisch zurückhaltend. Glas und Beton fügen sich zu einer klaren Gebäudestruktur. So aufgeräumt die Bauten wirken, so stimmungsvoll ausgeleuchtet präsentieren sie sich auf den großformatigen Fotos, die Zooey Braun von ihnen angefertigt hat.

FOTOGRAFIE

Der Widerstandskämpfer

und sein Schal

Wer nach einer weiteren, spektakulär verzerrenden Bebilderung für den Kampf der Kulturen zwischen Orient und Westen giert, wird von der Ausstellung blickdicht enttäuscht. Die ifa-Galerie zeigt zwar Fotografien aus der arabischen Welt (Linienstraße 139/140, Mitte, bis 7. Mai), jedoch brennen darauf keine Flaggen. Stattdessen stellen 14 Künstler – unter ihnen der bekannte iranische Fotograf Reza – Momentaufnahmen aus einer Welt aus, die zumindest auf Fotopapier so fern nicht ist.

Laura Junka hat die palästinensische Familie Abdoullah beim Campingurlaub am Strand fotografiert: Der Vater versucht, umringt von skeptisch-belustigten Familienmitgliedern, eine Wassermelone zu teilen. „Glücklich in Gaza“ heißt die Fotoserie der Finnin: Und nicht nur in ihrer Arbeit heben sich die Farben im Wüstenstreifen leuchtend von der tristen Nachrichtenkulisse ab. Den politischen Zwiespalt seiner Welt stellt denn auf nicht minder beeindruckende Weise Tarek Al-Ghoussein dar. In Plakatformat hat der palästinensisch-kuwaitische Künstler vier Selbstporträts aufgenommen: Das Gesicht verhüllt vom schwarz- weiß-gemusterten Keffiah-Schal, dem Widerstandssymbol Jassir Arafats, steht Al-Ghoussein auf einem der Bilder als störendes Element – Intifada-Mahnmal und PLO-Ausrufezeichen – vor der impressionistischen Kulisse eines friedlich-dunstverhangenen Gewässers. Das rosafarbene Gebirgsrelief im Hintergrund teilt die Pastellblau-Nuancen von Wasser und Himmel. Die Ausstellung schafft den Spagat, sie bedient kein Klischee: weder Tausend und eine Nacht noch fundamentalistischen Terror. Julia Amalia Heyer

POP

Der Star

und seine Freunde

In der deutschen Popwelt kann man vieles beklagen: Schnappisierung, Klingeltöne, Dieter Bohlen. Aber es nützt nichts. Besser ist es, sich an jene Bands zu halten, für die Musik nicht Geldmache, sondern Lebensinhalt ist. Die Hamburgerin Astrid Vits war in den vergangenen zwei Jahren abseits vom musikjournalistischen Tagesgeschäft in dokumentarischer Mission unterwegs, um mit solchen Künstlern zu sprechen. Nun hat sie mit Du und viele von deinen Freunden/2 (Schwarzkopf & Schwarzkopf, 407 Seiten, 19,90 €) bereits die zweite Sammlung exklusiver Interviews veröffentlicht. In dem Buch kommen 28 Bands und Einzelkünstler aus den verschiedensten Stilrichtungen zu Wort, von The Notwist bis Silbermond, von den Boxhamsters bis Annett Louisan, von Fink bis Udo Lindenberg. Die Interviews sind ungekürzt und ungeschnitten abgedruckt, was schön ist, denn so ähneln Vits’ Gespräche eher Einkreisungen als Befragungen. Die Musiker geben freimütig Auskunft über die Vorgeschichte ihrer Karrieren, ihre Platten, über Techniken des Songtextschreibens und das momentane Interesse an Popmusik Made in Germany.

Was obendrein an Szenetratsch abfällt, macht Vits’ Dokumentation einer vielfältigen und quicklebendigen Musikszene umso lobens- und lesenswerter. Für den Leser vertieft das Buch alte Bekanntschaften, macht neugierig auf neue, und bisweilen erreicht es sogar etwas, was der Songwriter Tom Liwa schön beschreibt: „Ich habe Künstler kennen gelernt, deren Musik ich vorher eher uninteressant fand. Aber über den persönlichen Zugang fand ich die dann plötzlich viel toller.“ Jan Oberländer

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