Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

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Zu Kammermusikaufführungen treffen sich die ernsthaftesten Klassikkenner. Beim dritten Abend der Spectrum Concerts macht es den Sitznachbarn des Kritikers allerdings deutlich mehr Spaß, gegenseitig Briefchen auszutauschen als Schuberts B-Dur-Trio zuzuhören. Schade, denn auf der Bühne des Kammermusiksaals ist eine interessante Metamorphose zu erleben. In Schuberts A-Moll-Sonate spielen Priya Mitchell und Kathryn Stott noch nebeneinander her, gewissermaßen als Verkörperung der zwei Seelen in jeder Künstlerbrust: Traumverloren gibt sich die Geigerin ihrem Part hin, eine scheue Erzählerin, die an jedem Satzende die Stimme senkt. Die Pianistin dagegen spricht ihre Zuhörer direkt an. Stotts Seelenverwandter ist bei diesem Schubert-Programm Christian Poltéra. In der „Arpeggione“-Sonate begeistert er als leidenschaftlicher Sänger auf seinem Cello wie als gewiefter Rhetoriker.

Gemeinsam wirken diese beiden Aufklärer so zündend, dass sich im Trio sogar Priya Mitchell mitreißen lässt und in den gelösten Tonfall der musikalischen Unterhaltung einstimmt. Womöglich, dämmert es dem Rezensenten, war es die spontane Begeisterung über das Gehörte, die seine Nachbarn zum Briefchenwechsel trieb: „Diese Modulation im Seitenthema über den Tritonus in die Untermediante – genial!“

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Zwei Welten lässt die Staatskapelle in der Philharmonie aufeinander prallen: Debussy skelettiert in seinen drei Nocturnes Themen und Motive, richtet sie in Richtung einer neuen Tonsprache aus und taucht sie dann in ein Bad leuchtender Farben. Karol Szymanowski hingegen schnappt sich alles, was er kriegen kann. Romantisches vermischt er in seinem ersten Violinkonzert mit Elementen des Impressionismus, setzt dabei aber konventionell auf tradierte Vorstellungen von Gefühlsausdruck. Das Ganze klingt mitunter effekthascherisch, was aber dem Solisten Nikolaj Znaider sichtlich gefällt, weiß er sich doch gut in Szene zu setzen.

Ihn als einen André Rieu für Fortgeschrittene zu titulieren, wäre unfair. Denn was der junge Geigenstar in der aberwitzigen Kadenz an klanglicher und gestischer Präsenz zu bieten hat, lässt aufhorchen. Dass die Staatskapelle für die Klangwelt Debussys nicht ganz über den passenden Klang verfügt, stört nicht, wird dadurch doch die Musik von dem Debussy so verhassten Stempel des Impressionismus befreit. Richtig bei sich ist das Orchester erst in Tschaikowskys Fünfter; Dirigent Philippe Jordan lässt spielen und versucht gar nicht erst, die zerrissene Sinfonie wie aus einem Guss darzustellen. Umso beeindruckender gelingen im zweiten, vor allem im vierten Satz Momente grandioser Steigerung. Ulrich Pollmann

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