Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Seelenbilder

der Romantik

Es ist ein wundersames Erlebnis, dem griechischen Geiger Leonidas Kavakos mit dem Violinkonzert von Brahms zu begegnen. Die Berliner Philharmoniker haben ihre Freude an dem Solisten, weil er das Stück wesensgemäß als eine Symphonie mit Violine versteht. Donald Runnicles dirigiert sehr umsichtig, und der Virtuose im Zentrum wendet sich lauschend dem Orchester zu. Er eröffnet seinen Part mit der Spielanweisung forte so introvertiert, als sei er nur ein Teilchen der Partitur. Man meint zunächst, einen sympathischen Anti-Paganini vor sich zu haben. Aber schnell zeigt sich, dass ihm kein Doppelgriff zu vertrackt und keine Note Nebensache ist. Gleichsam abgehoben von der Podiumssituation in der Phi l harmonie entfaltet Kavakos eine Interpretation aus Innerlichkeit, reiner Intonation und Glanz. Beim Spielen entpuppt sich ein Zaubergeiger, für den noch der Hauch eines Tons Ausdruck bedeutet.

Zwei weitere Solisten brillieren: Christine Brewer mit gewaltigem, klug geführtem Sopran und Bo Skovhus mit texttreuem Espressivo in der „Lyrischen Symphonie“ von Zemlinsky. Aus der Dichtung nimmt der Komponist die Metapher der Flöte als Bild der Seele in seine „Gesänge“ auf, deren dritter später von Berg zitiert wird: „Du bist mein Eigen.“ Sehnsucht, Abschied: Dirigent und Musiker plädieren für die enthusiastische Romantik (noch einmal heute).

* * *

KLASSIK

Szenen einer

keuschen Liebe

Gegen Liebesleid soll sie helfen, die traurige Geschichte von Tristan und Isolde. Deshalb wurde sie immer wieder erzählt, zunächst von den mittelalterlichen Versdichtern, dann natürlich von Richard Wagner. Schließlich traute sich aber auch der Schweizer Komponist Frank Martin unter dem Titel „Le vin herbé“ noch einmal an eine Vertonung. Ausgesprochen unheroisch näherte er sich 1938 dem Stoff, das Resultat ist ein später Nachklapp der europäischen Dekadenz, denn selbstverständlich geht die Geschichte auch bei Martin nicht gut aus, und auch er wollte nicht auf eine Häufung von Reizklängen verzichten. Der grandiose Tenor Steve Davislim gibt dem traurigen Helden ohne alle Tenormätzchen und -manierismen tief berührende Konturen, Sandrine Piau blüht in ihrem Schmerz vor allem in der Höhe auf. Die Hauptrolle spielt jedoch der Chor, denn während die Solisten nur bei den emotionalen Höhepunkten zu Wort kommen, erzählt das Kollektiv wechselnder Besetzung von Liebestrank, Sehnsucht und keuscher Liebe. Nach einigen Konzerten, in denen der Rias-Kammer chor unter dem neuen Leiter Daniel Reuss doch eher noch auf der Suche nach einem neuen Klangbild war, präsentierte er sich nun im Kammermusiksaal der Philharmonie in Idealverfassung für diese hochdifferenzierte Musik. Begleitet von den acht Musikern des Scharoun Ensembles zeigte er sich voluminöser als früher in den dramatischen Szenen, dabei mit bewundernswerter Piano- und Legatokultur und gewohnt farbenreich. Die Chorsolisten überzeugen ausnahmslos in den kleineren Rollen. Wer dieses großartige Konzert verpasst hat, darf sich schon auf die CD freuen, die in diesen Tagen aufgenommen wird. Uwe Friedrich

* * *

KABARETT

Bosheiten des

Steuerfahnders

Welch’ Koinzidenz! Die Regierung beschließt eine Steuererhöhung wie noch nie, die Zeitungen heben das Sujet respektvoll angewidert auf die Eins, und Kabarettist Chin Meyer startet sein neues Programm, das da heißt „Die Razzia Ihres Lebens“ in der Ufa-Fabrik (bis zum 11.3., Viktoriastraße 10-18), wo er als Steuerfahnder Siegmund von Schreiber auftritt. Aktueller könnte sein finanzpolitisches Kabarett also gar nicht sein. Und es ist in der Tat viel an Fiskusschmäh dabei, von verstaubten Beamtenzoten bis zu schleimig-schmierigen Behördenspäßchen. Nach anfänglich eher harmlos daherkommenden Witzeleien, die an so dankbaren Personalien wie Josef Ackermann und Hans Eichel nach humorpopulistischem Schema F abgearbeitet wird, wird Meyer besser – weil böser. Wenn er im Morgengrauen „ganz unverbindlich“ zurückschießen möchte, weil Polens Wirtschaft höhere Wachstumsraten verzeichnet als die deutsche, dann ist das schon sehr böse. Kabarett ist gut, wenn es weh tut. Fast physisch schmerzen allerdings Meyers Steuer-Ständchen: „Fahnder wollen Fun“, dichtet er auf Cyndi Laupers akustisches Achtziger-Jahre-Brecheisen, und beherrschendes Intervall zwischen Klavier und seiner Stimme ist die Septime. Julia Amalia Heyer

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben