Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniel Völzke

POP

Spiel

ohne Gott

Kling, kling! Markus Acher von The Notwist schlägt auf das obere Griffbett seiner Gitarre und imitiert so ein Telefonläuten. „Pick Up The Phone“ heißt der melancholisch werbende Hit aus dem grandiosen Album „Neon Golden“ von 2002. Seither veröffentlichten die Bayern lediglich auf Soundtracks und gingen zahlreichen Kollaborationen nach. Im vergangenen Jahr fusionierten sie mit der amerikanischen Band Themselve zum Projekt „13 & God“. Im ausverkauften Kesselhaus stehen sie nun endlich wieder als The Notwist auf der Bühne und bitten mit dem schrillen Klingkling um Aufmerksamkeit.

Es geht um etwas Ernstes: Der befreundete Musiker Dax Pierson aus San Francisco, Mitglied der Bands Subtle und eben jener Themselves, hatte einen Unfall und ist gelähmt. Um ihn finanziell zu unterstützen, veröffentlichten Kollegen eine Kompilation und organisierten Benefiz-Shows, auf denen Größen wie Damon Albarn und die Super Furry Animals auftraten. Beim Berliner Benefiz-Abend steuern die Gitarren des Indie-Acts Jersey mit ihrem Roadmovie-Sound gekonnt auf die Hauptattraktion hin. The Notwist gelingt es, eine organische Musik zu präsentieren, in der sich alles spektakulär zu einer Einheit fügt: die nervösen Clicks und Cuts Martin Gretschmanns alias Console, die pickenden Beats, der treibende Bass, die verzerrten Gitarren, denen live mehr Raum gegeben wird als auf den Platten, die aber nie die filigrane Struktur der Songs zerstören. So klingen Gemeinschaft, Kohärenz und Utopie. So klingt Solidarität.

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KUNST

Leben

in Zeitlupe

Ein Mann, ein Universum. Der Russe Sergej Tschachotin (1883-1973) war vieles: Forscher über disziplinäre Grenzen hinweg, Freund Pawlows und Einsteins, politischer Aktivist für den Sozialismus und von den Nazis Verfolgter. Tschachotin ist auch ein weithin Vergessener. Sein Urenkel Boris Hars-Tschachotin und dessen Künstlerkollege Hannes Nehls widmen ihm im dunklen Kaisersaal des Museums für Fotografie die Installation Makroskop (bis 23. April, Jebensstraße 2, Di u. Mi, Fr-So 10-18, Do 10-22 Uhr).

Eine aus papiernen Lamellen zusammengesetzte, begehbare Riesenspirale dient als paradoxes Symbol von Werden und Vergehen und zugleich als gebogene Projektionswand. Bilder gleiten am Betrachter entlang und locken ihn ins Innere der Spirale, teils sind es private Fotos aus dem Familienleben des fünfmal Verheirateten und Vaters von acht Söhnen. Mal strömen Zellen und Kleinstlebewesen vorbei, mal bauen sich Demonstranten und Soldaten aus Revolutions- und Kriegszeiten auf. Die Installation hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Als schwarzweißer Zeitlupensturm der assoziativ vermischten Bilder wirkt sie einerseits suggestiv. An Erkenntnis über einen Wissenschaftler und „Visionär einer internationalen pazifistischen Gemeinschaft“ (Künstlerzitat) bietet das Werk wenig. Allerdings wird die Installation noch durch ein Tschachotin-Archiv flankiert. Und den unglaublich verschlungenen Lebensweg des Sergej Tschachotin muss man auf einem Faltblatt in Ruhe studieren. Jens Hinrichsen

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