Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

KLASSIK

Wenn die Statik

vibriert

Ein ganz eigenartiges Stück ist Hermann Keller gelungen: „Es war. Es ist. Wird es sein … ? “, heißt das Quartett, es stellt, so lässt uns der in Berlin lebende Komponist wissen, eine Auseinandersetzung mit der Endlichkeit musikalischer Möglichkeiten dar. Keller versucht, traditionelle musikalische Sprache neu zu beleuchten. Er verschränkt Linien, wie sie auch in klassischer Musik denkbar wären, zu so spannungsreichen neuen Konstrukten, dass man im Kleinen Saal des Konzerthauses meint, die Gesetze der Statik vibrieren zu hören. Raffiniert lässt Keller Geflechte aus einfachen Motiven wachsen, färbt sie mit mikrotonalen Abweichungen, faltet sie wieder zusammen. Erfreulich, dass viele Komponisten daran arbeiten, die Kluft zwischen traditioneller und moderner Musiksprache zu verringern, vor allem, wenn das Resultat so überzeugend ausfällt.

Auch mit der Uraufführung des Abends, Georg Kleins „Sixis“, hat das Modern Art Sextet einen glücklichen Griff getan. Klein, ebenfalls Berliner, überrascht vor allem durch eine ungemein subtile Verwendung zugespielter elektronischer Klänge, die für den Hörer oft gar nicht als solche zu orten sind. Die zerbrechliche Klanglichkeit des Stücks bekommt durch die Zuspielung feiner Geräusche eine Dynamik, die Prozesse der Zersetzung körperlich spürbar macht. Mit Conrado del Rosarios „Sesshu“ ist das Sextett dann gewissermaßen zu Hause angekommen, denn die zarte, von asiatischen Tuschzeichnungen inspirierte Klangwelt des gebürtigen Philippinen wird von dem engagierten Ensemble seit vielen Jahren gepflegt.

KLASSIK

Wenn das Leiden

verstört

Dieser Komponist spricht am persönlichsten in seinen Streichquartetten, findet der Cellist Jan Diesselhorst, und das rechtfertigt im Schostakowitsch-Zyklus des Philharmonia-Quartetts die chronologische Abfolge dieser esoterischen und oft spröden Werke. Was bei anderen Gesamtdarstellungen akademisch-langweilig wirken kann, wird zum Pluspunkt des Abends im Kammermusiksaal, dessen Star ganz einfach das Programm ist. Die Streichquartette Nr. 5 bis 8 entstanden zwischen 1952 und 1960, dokumentieren damit die Jahre der Hoffnung nach Stalins Tod und das Leiden unter neuerlicher Repression. Am klarsten spiegelt das c-Moll-Quartett Nr. 8, 1960 in Dresden unter dem Eindruck der horrenden Kriegszerstörung entstanden, welche Haltung der sowjetische Komponist dazu entwickelte: Was die Ideologen als Trauergesang für „die Opfer von Krieg und Faschismus“ ansahen, reflektiert ausschließlich das eigene Leben.

Im tiefernsten Hauptmotiv – dem Namensanagramm „D – Es – C – H“ – und in den wilden Ausbrüchen des „jüdischen Themas“ gewinnen die philharmonischen Quartettspieler größte Intensität und Kontrastschärfe. Ihre fabelhafte, in der Orchesterarbeit entwickelte Homogenität, die durchgehend edel timbrierte Tongebung ist dagegen der Strukturklarheit des hochkomplexen 5. Quartetts nicht immer zuträglich. Ein Juwel dafür Nr. 6 in filigraner, klassizistisch angehauchter Linienführung, aus der die Abgründe hervorbrechen; vollends elegisch-elegant Nr.7, dessen kostbare Gespinste sich in Andeutungen verlieren und fahl verdämmern. Isabel Herzfeld

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