Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniel Völzke

POP

Mut

zum Tumult

Der Song stoppt abrupt. Sänger Alex Turner schaut in die Runde und verzieht den Mund: „Seid ihr schon müde?“ Eine Frechheit angesichts der Szenen, die sich vor ihm abspielen: Das Publikum grölt jede Textzeile mit, Schlägereien werden angezettelt, volle Bierbecher fliegen durch die Luft. Die Arctic Monkeys sind da und die Besucher ihres seit fast drei Monaten ausverkauften Konzerts im Postbahnhof steigern ihre Begeisterung über die vier Sheffielder Teenager zum Ausnahmezustand. Ob aus England angereiste Fans oder Briten aus der Berliner Diaspora: Sie feiern die Band aus dem Pop-Mutterland mit tumultartigen Szenen. Ein Hype, der im Internet angezettelt wurde und nun in den „Tagesthemen“ angekommen ist.

Auf den Garagenrock der Arctic Monkeys, schnell, stakkatohaft und punktgenau, können sich alle einigen. Erst recht, wenn sie ihre Songs live mit dieser unglaublichen Spielfreude vortragen, sich charmant und aggressiv durch ihr (noch) schmales Œuvre spielen. Alex Turner hat die komplette Popgeschichte Englands in sich vereinigt, verdreht die Augen wie Johnny Rotten, nuschelt wie die Oasis-Brüder, tanzt zackig wie die Label-Kollegen von Franz Ferdinand. Doch kraft ihrer Jugend, kraft ihrer Erfolgsgeschichte erneuern die Arctic Monkeys das Versprechen des Pop: Du kannst dein Leben ändern! „Diese Stadt ist eine andere Stadt als noch gestern Abend“, brüllt Turner mit nordenglischem Akzent heiser ins Mikro. Große Worte. Aber wahr.

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KLASSIK

Zwischen den

Stühlen

Heinrich Schiff ist ein exzellenter Cellist, ein Musiker durch und durch, weil seine Interpretationen in das Reich der Zwischentöne vordringen. Über die Werke der Klassik und Moderne hat er Eigenes zu sagen, als einer der Besten seines Fachs. Schiff widmet sich auch der Orchesterleitung – da jedoch neigt er zu Übertreibung und Pantomime. Dennoch: Wenn er so reaktionsfreudige Musiker vor sich hat wie die des Berliner Sinfonie-Orchesters, die ihn über die langsame Einleitung der ersten Sinfonie Beethovens tragen, gelingt es ihm, seine Vorstellungen zu realisieren: anmutiges Andante, in dem die tiefen Streicher ihre Kontrapunkte verteidigen, feiner Zweiviertel-Schwung im Finale.

Zu den zahlreichen Jubiläen in diesem Jahr gehört auch der 100. Geburtstag des Komponisten Dimitrij Schostakowitsch. In seiner Prokofjew-nahen ersten Sinfonie mischt er russisches Pathos und Zirzensisches. Schiff spürt die klassizistische Aura des Stücks auf. Seine Vollbeschäftigung als Solist und Dirigent tendiert im Cellokonzert von Haydn jedoch zum Grotesken. Das Orchester im Rücken, dreht und windet er sich, um abwechselnd mit der rechten oder linken Hand den Takt zu schlagen. Das geht auf Kosten der Konzentration. Was in intimerem Rahmen taugen mag, passt nicht in den Großen Saal des Konzerthauses. Hier sitzt der Virtuose Schiff dem Dirigenten Schiff im Weg. Sybill Mahlke

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DISKUSSION

Ein bisschen

Folter

Wenn sich das Leben Unschuldiger damit retten lässt, ist ein bisschen Folter dann erlaubt? Die Frage stellt sich nicht erst, seit Innenminister Schäuble dafür plädierte, durch „spezielle Verhörmethoden“ gewonnene Aussagen im Antiterrorkampf zu verwenden. Nun widmete sich die Diskussionsreihe Denkzone in der Volksbühne dem moralischen Dilemma solcher Extremsituationen – wobei sich das hochkarätige Podium leider mit Eitelkeiten aufhielt. Manfred Gnjidic , Anwalt des deutschen CIA-Folteropfers Khaled el-Masri, schildert detailliert die Leidensgeschichte seines Mandanten zwischen Neu-Ulm und Afghanistan. Weder die USA noch die ehemalige rot-grüne Bundesregierung würden zur Aufklärung des Falls beitragen, so der Jurist. Wolfgang Wieland , sicherheitspolitischer Sprecher der Grünen, hat dazu wenig beizutragen – außer einem teilnahmslosen Referat des aktuellen Wissensstands. „Fehlende Emphase“, urteilt der Hamburger Publizist Jan Philip Reemtsma deshalb. Und legt auf bestechende Weise dar, wie die Aufweichung des Foltertabus zwangsläufig zu einer Deformierung des Rechtsstaats führe. Wie etwa soll eine Bundestagsdebatte aussehen, fragt Reemtsma, in der die erlaubten Foltermethoden gesetzlich bestimmt würden? Philipp Lichterbeck

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KLASSIK

Zwischen den

Zeiten

„Carte blanche“ spielt die Philharmonie in einer Kammermusikreihe im HermannWolff-Saal; kurze Dauer und intime Nähe sind deren Markenzeichen. Beste Voraussetzungen für die Präsentation des hierzulande fast unbekannten Oktetts op. 7 von George Ensecu durch das Philharmonische Streichoktett Berlin. Mit 19 schrieb der rumänische Komponist und furiose Geiger das Werk voller Spiellaune, Erfindungsgeist und kompositorischer Durchbildung. Was in vier Sätzen mit immer gleichem, doch fantasievoll abgewandeltem Themenmaterial zu sagen ist, erstreckt sich über gut sechzig Minuten. Die allerdings vergehen wie im Flug.

Das ausladende Unisono-Thema hebt feurig an; die anschließenden Verästelungen ziehen in den Bann ständiger Stimmungswechsel zwischen Kraftgebärde und Kantabilität. Ein Streifzug von klangseliger Folklore à la Dvorák über „Rheingold“Rufe bis zu impressionistischem Filigran – Schönbergs „Verklärte Nacht“ ist da nicht fern. Angeführt von Primarius Laurentius Dica treffen die Musiker mit überwältigender Tonschönheit, flexibler Tempogestaltung und atmender Dynamik den Nerv der Musik. Berührend, gefühlvoll, dramatisch. Isabel Herzfeld

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