Kultur : KURZ & KRITISCH

Christoph Funke

THEATER

Flüchtiges Glück

im Doppelbett

Schon wieder ein Klassentreffen? Nicht ganz. Es ist ein 40. Geburtstag, der die drei Schulfreundinnen im Feriencamp zusammenführt. Was heute ist, wollen sie vergessen. Was gestern war – unbekümmerte Sinnlichkeit, fantastische Unabhängigkeit –, muss wieder her. Die britische Dramatikern Catherine Johnson lässt diese angestrengte Glückssuche in ihrem Zweiakter „Shang-a-Lang“ scheitern: folgerichtig und wenig überraschend. Aber über den Abenteuern der drei Frauen mit zwei zufällig auftauchenden Musikern liegt auch viel Unsicherheit. Ein Leben aus zweiter Hand: Kopien, Verkleidungen Täuschungen aller Art schieben sich vor das Wirkliche.

Bei den Vaganten hat Adisat Semenitsch das Geschehen zupackend und direkt inszeniert. Den seelischen und körperlichen Verletzungen, denen die Frauen ausgesetzt sind, begegnet sie auf eher lässige Art. Existenzielle Krisen stehen nicht zur Debatte – und so schenken Nela Bartsch, Eva Mannschott und Konstanze Proebster den Lebensbeichten der drei Freundinnen reizvoll unterschiedliche Ausprägungen. Martin Greif und Heiko Pinkowski meistern die einschichtiger gezeichneten Charaktere der Musiker mit deftiger erotischer Ausstrahlung. Es ist ein flottes, aber kaum aufregendes Spiel, für das Tom Presting eine ganz reale und zugleich magische Bühne mit Betten und Hotelzimmern schuf.

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KLASSIK

Trommeln auf

großer Fahrt

Wo, so fragt man sich angesichts eines Spitzen-Amateurorchesters wie dem der Waseda-Universität Tokyo , liegt hier eigentlich noch der Unterschied zu Profiklangkörpern? Schon die ersten fein artikulierten Streicherpassagen im „Don Juan“ von Richard Strauss spielt das opulent besetzte Ensemble in der Philharmonie mit beinahe schamloser Präzision, daneben sähe manches deutsche B-Orchester ziemlich blass aus. Letztlich sind es gestalterische Feinheiten, in der Elastizität von Phrasierung und Rhythmus etwa, die den besagten Unterschied machen. Und eine bestimme Form von Ausdruckswillen: Amateure spielen für ihr Leben gern, Profis spielen um ihr Leben.

Auch als Mittler zwischen den Kulturen versteht sich das Waseda Symphony Orchestra auf seiner Europatournee. Das 1976 von Maki Ishii komponierte „Mono-Prism“ ist dafür prädestiniert. Sieben Trommler lässt er vor dem Orchester niederknien, zwei wechseln im Laufe des Stücks zu einer hinter dem Orchester thronenden Riesentrommel. Der Ritualcharakter traditioneller japanischer Musik zeigt sich hier in äußerster Konzentration auf elementare klangliche Energien und deren mitunter schockierende Eruption. Masahiko Tanaka, der, wie auch Ishii, in Berlin studiert hat, dirigiert das Paradestück wiederum mit souverän sparsamen Gesten. Mehr braucht dieses Orchester auch nicht. Ulrich Pollmann

KLASSIK

Zwischenbemerkungen

auf Zimmerlautstärke

Die alte Behauptung, dass die Gambe die perfekteste Nachahmerin der menschlichen Stimme sei, wird auch heute gerne zitiert. Die Frage aber, ob mit der Stimme allein die Singstimme gemeint ist, wird dagegen selten gestellt. Paolo Pandolfo , Virtuose und einer der einflussreichsten Lehrer seines Instruments, beantwortet sie sehr dezidiert – so bei der Matinée seines Gambenensembles Labyrinto im brechend gefüllten Curt-Sachs-Saal des Musikinstrumenten-Museums .

Prosa und Lyrik, Gespräch und Gesang, näselnde Gelehrtenstimmen und Sirenenklänge, die den Raum bis in die letzte Herzkammer mit Präsenz füllen: Paolo Pandolfo, Guido Balestracci und Sergio Alvarez können und wollen ihren Instrumenten alles entlocken – solange es die Zimmerlautstärke nicht überschreitet. Die Consortstücke von der Renaissance bis Henry Purcell suchen ernsthaft das philosophische Gespräch – und wollen keineswegs nur Kerzenscheinmusik sein. Ob Chansonbearbeitung, Rätselkanon oder rhythmisches Vexierspiel: die jeweilige kompositorische Fragestellung wird von Labyrinto musikalisch (und manchmal sogar mimisch) so präzise wie individuell formuliert. Und wie Pandolfos Mitstreiter muss man nicht jeder drahtig schneidenden Zwischenbemerkung des Meisters zustimmen, um von seinen geistreichen Beiträgen zur Kunst des Gambenspiels zu profitieren. Carsten Niemann

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POP

Rappen für den

Wolkenkratzer

Wie sieht der Auftritt eines Mannes aus, dessen höchstes Lebensziel der Besitz eines eigenen Wolkenkratzers ist? Der gefragte Hip-Hop-Produzent und Rapper Kanye West hat mehrere Streicher aufgestellt, eine Harfe, eine Tänzerin, zwei Backgroundsänger und einen DJ. Das ist das Ensemble einer minutiös durchgeplanten Show, die mit Visuals und ausgefeiltem Lichteinsatz ein wenig Las Vegas in die Columbiahalle bringt. Schließlich gilt es Musik live zu präsentieren, deren Qualität vor allem in klug ausgesuchten Samples und Beats besteht.

Der mehrfache Grammy-Gewinner West ist eher Zeremonienmeister als Performer. So lässt er Einspielungen seiner Produktionen für andere Rapper hören, etwa „Encore“ von Jay-Z, oder es laufen Pophits wie A-has „Take On Me“ oder Eurythmics „Sweet Dreams“. Bei eigenen Stücken kommen die Streicher nicht gegen die Samples an, muss der Backgroundchor mit Shirley Bassey und Luther Vandross konkurrieren. Zudem gerät West immer wieder in seinem Sprechgesang außer Atem. Dennoch ist Kanyes Popshow ein großer Spaß: Die Streicher stimmen den Indie-Klassiker „Bitter Sweet Symphonie“ an, der Star hat sich umgezogen – alles hübsch harmlos. Nur der für die Tour engagierte DJ-Weltmeister A-Trak, der mit elaborierten Scratcheinlagen beeindruckt, zeigt, welche Kraft Hip-Hop 2006 besitzt. Daniel Völzke

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