Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

So romantisch kommen

wir nicht mehr zusammen

Einer Klärung bedarf der Begriff schon lange: Was eigentlich ist romantisch? Ein Wochenende zu zweit in Paris? Eine einsame Harzreise im Winter? Oder ganz einfach jegliche Unordnung im Gefühlshaushalt? Wenn das Freiburger Barockorchester im Kammermusiksaal unter dem Titel „Entdecker der Romantik“ dem schwammigen Begriff auf den Grund geht, geschieht die Definition vor allem ex negativo. Romantisch ist erst mal alles, was nicht klassisch ist: Ob die scharrenden Streicherfiguren, die im Kopfsatz von Wilhelm Friedmann Bachs F-Dur-Sinfonie die gravitätische Geste des Kopfmotivs untergraben oder auch die Schroffheiten, mit denen Beethoven in seiner Großen Fuge gegen den Zwang der Form aufzubegehren scheint. Romantisch sind jedoch weniger die Werke selbst als vielmehr der Blickwinkel des Programms, ähnlich wie schon E.T.A. Hoffmann Mozart und Beethoven für die Romantik vereinnahmte.

In Mozarts c-moll-Fantasie tut Andreas Staier allerdings wenig, um den Romantik-Verdacht zu erhärten. Statt Überschwang und „Don Giovanni“-Dramatik, wie sie etwa Alfred Cortot in einem jüngst veröffentlichten Mitschnitt seiner späten Meisterklassen zeigte, herrscht schlichter, gemessener Ernst. Kennzeichnend, dass das zeitlich späteste Stück am wenigsten romantisch klingt: Mendelssohns frühes Doppelkonzert für Violine und Klavier (mit Staier und Konzertmeister Gottfried von der Goltz) findet zwar im Rahmen drängender Tutti statt, ist aber eigentlich ein schmissiges Duo Concertant, in dem der 14-jährige Komponist Paganini-Dämonik auf Salonformat schrumpft. Vermutlich liegt die Romantik nicht in der Musik, sondern im Herzen ihrer Hörer.

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KUNST

Schnappschüsse

aus dem Beichtstuhl

Die Kunst von Hannes Malte Mahler entsteht aus Interaktion. Etwa in dem hölzernen Kasten, der in der Galerie des Hauses am Lützowplatz (bis 9. April, Lützowplatz 9, Di–So 11–18 Uhr) ausgestellt ist. Im Innern befinden sich zwei Kabinen, die durch ein Sprechgitter getrennt sind: wie im Beichtstuhl. An der Außenwand ist ein kleiner Schlitz: wie beim Fotofix-Automaten. Wer hineingeht, weiß nicht so recht, ob er seine Sünden gestehen oder den Sitz auf die richtige Höhe drehen und lächeln soll. In jedem Fall kommt ein Porträt heraus. Als Künstler ist Mahler „Priester“ und „Fotoapparat“ in einem. Die Ikonographie von Gebrauchsgegenständen erkunden seine Serien „Ungebrochen“ (Kotztüten) und „Kippenköter“ (Zigarrenbauchbinden).

Wie man sein Gegenüber in einer zunehmend virtuellen Welt wahrnimmt, fragen drei Videoinstallationen von Christian Niccoli in der Studiobühne des Hauses: Das Tryptichon „The visual need“ kreist um Blickkontakte in einer Kultur, die traditionell das (weibliche) Gesicht der Sichtbarkeit entzieht. Dokumentarische Aufnahmen von einer Rolltreppe in Istanbul werden mit Video-Clips aus dem türkischen Fernsehen konfrontiert. Alltagsphysiognomien am laufenden Band treffen auf schnell geschnittene Star-Gesichter. Dazu hört man Jugendliche im Interview: „We consume faces“, sagt einer. Niccoli ist Künstler-Soziologe, Mahler Satiriker. Beide verhandeln das Sehen – und sind sehenswert. Kaspar Renner

SOUL

Die Sonne

und du

One-Hit-Wunder sind die Eintagsfliegen der Popgeschichte: Kaum hat ihre Karriere begonnen, folgt der Sturz ins Vergessen. Bobby Hebb veröffentlichte 1966 „Sunny“, ein sonnendurchflutetes Lied, das die Unbeschwertheit eines Sommertages zu feiern schien: „Sunny, yesterday my life was filled with rain / Sunny, you smiled at me and really eased the pain.“ In Wirklichkeit war der Song ein Stück Trauerarbeit, Hebb schrieb ihn, nachdem sein Bruder einen Tag nach John F. Kennedy ermordet worden war. „Sunny“ erreichte den 2. Platz der US-Charts und wurde zum Klassiker, den Cher, Robert Mitchum und Boney M. coverten. Danach verschwand Hebb in der Versenkung.

Jetzt, mit 67, ist er wieder da. That’s All I Wanna Know , sein drittes Album (Tuition/Schott), zeigt den Sänger aus Nashville auf der Höhe seiner Kunst. Er säuselt zu stotternden Orgel-Akkorden, stemmt sich gegen überschäumende Bläsersätze, bettet sein meckerndes Lachen in funkige Gitarren-Arrangements. Er singt eigene Kompositionen, Lou Rawls Hit „When Love Goes Wrong“ und Hank Williams’ Beziehungsabrechnung „Cold Cold Heart“. Was wir brauchen in kalten Tagen, weiß Bobby Hebb: „Good Lovin’“ (Hebb tritt am Samstag im Frannz Club auf, 20 Uhr). Christian Schröder

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