Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniel Völzke

ROCK

Hexensabbat und

Stammesritual

Zwischen der unschuldigsten Kopf- und der schaurigsten Grabesstimme liegt nur ein kurzes, nervöses Augenzucken. Angus Andrew, Sänger der Band Liars , inszeniert den Exzess eines besessenen Mädchens. Er brabbelt, schreit, wimmert, zetert. Er wankt zombiehaft umher, blickt düster in die Runde, greift mit Klauenfingern in die Luft. Unter den roten Samtvorhängen des White Trash Fast Food sieht dieser ausgefeilte Zinnober noch mehr nach Kasperletheater als Avantgarde aus. Doch neben der Komik, die bei dieser Band stets mitschwingt, erzeugen die drei von New York nach Berlin übergesiedelten Musiker eigenwillige, zarte Schönheit. „Drum’s Not Dead“ heißt ihr kürzlich veröffentlichtes Album – und auch live dominieren die zwei Schlagzeuge von Julien Gross und Aaron Hemphill. Sie liefern sich hochkonzentriert Trommelgefechte, halb Industrial, halb Stammesritual. Stärker als auf dem Album drängen sich die Gitarren wieder in den Vordergrund: ein Lärmbett aus wenigen Akkorden, verzerrt, verhallt. Um minimalisierte Samples ergänzt, entsteht ein Art-Rock-Hexentrunk. Die zweite Hälfte des Konzerts wird tanzbarer, doch ihre eingängigsten Stücke verweigern sie dem Publikum. Erst als sie ein Nirvana- Cover spielen („für die Teenager dieser Welt“), fällt auf, dass die Liars auch eine dieser vielen Bands sein könnten, die die neu aufgebäumte Stromgitarrenwelle in die Radios spült. Doch das wäre ihnen sicherlich zu langweilig.

* * *

KLASSIK

Wagneritis und

Straußomanie

Max Reger ist heute ein Außenseiter des Musikbetriebs. Da gibt das Mozartjahr dem Berliner Sinfonie-Orchester im Kon zerthaus den Anstoß, den Komponisten aus der Oberpfalz mit seinen Variationen über ein Thema von Mozart zur Diskussion zu stellen. Das Orchesterwerk wurde im Ersten Weltkrieg oft gespielt, zusammen mit der „Vaterländischen Ouvertüre“, in der Reger den Choral „Ein feste Burg“ mit dem Deutschlandlied verquickt. Die Mozart-Variationen repräsentieren das Wesen eines Eigenbrötlers der „absoluten“ Musik. „Wagneritis und Straußomanie“ waren ihm herzlich zuwider. So begegnen wir dem strengen Satz des Meisters wie einer Kontrapunkt-Lektion, die in einer Doppelfuge gipfelt. Es ist aber auch möglich, aus dem unsinnlichen Stil die Liebe zu dem Thema herauszuhören, wenn es umschlungen und versteckt und dann zum Triumph erhöht wird. Die Aufführung unter Michael Bo der weckt Teilnahme an den Wanderungen Mozarts duch die Regerpartitur.

Die „Sieben frühen Lieder“ von Alban Berg haben viele Sängerinnen erobert. So auch Angela Denoke . Musikalisch trifft sie das Atmosphärische des Zyklus. Wie es aber zu der Stimmungseinheit der Poesie von Lenau, Rilke, Hartleben kommt, wie der blutjunge Berg in der traumhaften „Nachtigall“ den letzten Lyriker Storm vertont, das interpretiert sie nicht. Denn Textdeutlichkeit ist bei ihr Nebensache geworden. Sybill Mahlke

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben