Kultur : KURZ & KRITISCH

Patrick Wildermann

THEATER

Wer die

Nachtigall hört

Freundschaft verleiht Flügel. Deshalb verliert der verwundet aus dem Vietnamkrieg heimgekehrte Soldat Al auch keine Sekunde, als er hört, dass sein Seelenfreund Birdy Hilfe benötigt. Seit Monaten sitzt der Junge, traumatisiert von Blut und Bomben, in einer psychiatrischen Militärklinik in Kentucky und redet kein Wort – der Vogelliebhaber hält sich nun selbst für ein Himmelsgeschöpf. William Whartons „Birdy“ -Roman hat Alan Parker 1984 fürs Kino adaptiert. Nun inszeniert Rainer Behrend am Theater Tribüne die Tragödie von Naomi Wallace, die so berührend wie beflügelnd von verlorenem Boden und grenzenloser Sehnsucht erzählt. Auf zwei Zeitebenen, die Behrend versiert ineinander blendet, hebt das Drama um zwei Freunde an, die auf je eigene Weise das Weite suchen. Als Teenager kämpfen Al und Birdy (Manolo Palma und Andreas Schwankl) gegen die Enge des Vorortlebens in Philadelphia. Al gibt den Draufgänger, Birdy hingegen interessiert sich mehr für Täubchen als für Mädchen, woran auch der handfeste Nachhilfeunterricht in Liebesdingen nichts ändert – eine der stärksten Szenen. Überhaupt brennen die nostalgischen „Stand By Me“-Passagen sich stärker ein als das Wiedersehen der um Jahre und einen Krieg gealterten Freunde (Dirk Weidner und Stefan Sieweke) in der backsteinkalten Klinik (Bühne: Olga Lunow). Insgesamt aber ist die von Falk Richter eingedeutschte Bühnenfassung, die man nicht mit Parkers grandioser Kino-Version messen sollte, als Fabel vom vogelfreien Psychiatrie-Papagallo allemal sehenswert (wieder heute sowie am 17.,18., 20., 21., 24., 25., 27., 28. und 31. März)

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KLASSIK

Wer den

Gleisen folgt

Im Foyer der Komischen Ope r lässt sich einmal mehr studieren, wie ratlos die Konfrontation mit Musik aus dem Osten machen kann. Denn die 1947 in Aserbaidschan geborene, heute in Baku lehrende Frangis Ali-Sade , der das Ensemble United Berlin ein Porträtkonzert widmet, steckt genau in den Kalamitäten, die für viele Komponisten entfernterer Regionen Osteuropas und Vorderasiens charakteristisch sind. Geschult wurden sie an klassischer mitteleuropäischer Musik, später kamen Erfahrungen mit Neuer Musik hinzu. Nur wird von Komponisten dort erwartet, neben europäischen Einflüssen auch regionale oder nationale Traditionen in ihr Schaffen zu integrieren.

Denn verständlicherweise will man nicht einfach Kulturexklave des Westens sein. Nur ist die Vermischung von Fremdem und Eigenem eben noch kein künstlerisches Konzept. Ali-Sade ergeht sich in ihrer „Music for Piano“ in orientalisch anmutenden Kaskaden, die sich mit verfremdeten Klängen des präparierten Klaviers abwechseln. Im Streichquartett „Oasis“ gelingt ihr ein etwas stimmigeres Klangbild, im Ensemblestück „Crossing II“ stehen naive Harfenklänge wieder völlig spannungslos neben traditionellen Melodiefragmenten. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie beklemmend es sein muss, in seinem Schaffen immer wieder auf den Antagonismus Eigen-Fremd zurückgeworfen zu sein. Von den strengen, aber ergiebigen Abstraktionsmühen, denen sich Komponisten wie Walter Zimmermann oder Klaus Huber unterworfen haben, um tradiertem Musikmaterial neue Semantiken zu entreißen, scheint man in Baku wenig gehört zu haben. Ulrich Pollmann

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KLASSIK

Wem das

Herz überquillt

Verliebte Köche, heißt es, versalzen das Essen.Verliebte Komponisten haben dagegen offenbar einen Hang zum Süßlichen. Immer wieder schlägt im Violinkonzert, das der 28-jährige Bela Bartok 1908 für die Geigenvirtuosin Stefi Geyer schrieb, der mürb resignative Ton des ersten Satzes in schwelgerische Umarmungsgesten um. Üppiges Rankenwerk des Jugendstils – als wär’s ein Stück von Korngold. Genützt hat’s freilich nichts: Die Angebetete konnte sich weder für das Stück noch für seinen Schöpfer nachhaltig erwärmen, es wurde erst 1957 im Nachlass der Dame entdeckt. Auch Geigen-Jungstar Baiba Skride tut sich im Konzerthaus mit der verschmähten Liebeswerbung schwer: Für die großen Gefühle fehlt der Lettin schlichtweg der große Ton. Als Ersatz muss ein etwas unkontrolliertes Vibrato herhalten, das den Klang airbagartig aufbläst, aber nur verhärtete Emphase statt Wärme und Inbrunst bietet.

Für die sorgt an diesem Abend vor allem Gilbert Varga am Pult des Rundfunk-Sinfonieorchesters : In Sandor Veress’ „Threnos“ und in Skriabins „Poème de l’extase“. Vom ersten Takt an dringt Varga in Veress’ 1945 uraufgeführtem Bartók-Gedenkstück in das schwarze Herz des Streicherklangs vor - dorthin, wo die echten Gefühle wohnen. Krönender Abschluss ist jedoch Skriabins orgiastisches Orchestergedicht: Nicht im Salonlicht hysterisch-fiebriger Sinnesüberfeinerung, sondern als kraftvoll positivistische Vision einer befreiten Menschheit entfaltet Varga das Stück und entlockt dem grandios aufspielenden RSB einen verschwenderischen Reichtum an Farbnuancen. Ein Rausch, der nie süßlich klingt, sondern mit hymnischer Kraft gesättigt ist. Aber Skriabin war ja auch nicht verliebt. Jörg Königsdorf

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