Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Immer der

Präzision nach

Vom Publikum heiß geliebt, stehen die Orchesterwerke Antonin Dvoraks im Konzertsaal dennoch nicht eben hoch im Kurs. Die meisten Dirigenten tun sich schwer, in dieser Musik etwas anderes zu sehen als melodiegesättigten Folklorismus – auch das Dvorak-Jahr 2004 strich ohne nennenswerte Standortbestimmung vorbei. Jonathan Nott und seine Bamberger Sinfoniker zeigen jedoch, dass Dvorak durchaus zum Role Model für das 21. Jahrhundert taugt und spielen die achte Sinfonie als Synthese aus regionaler Tradition und paneuropäischer Form. Das tschechisch-musikantische Element wird nicht durch zu grelle Farben überstrapaziert, sondern sublimiert und gegen die Einflüsse deutscher und englischer Romantik ausbalanciert. Ein Unternehmen, für das die Bamberger ideale klangliche Voraussetzungen mit in die Philharmonie bringen: Statt einem uniformen Hochglanz-Ideal nachzustreben, sind sie ein „Orchester zum Anfassen“: die Streicher mit gut geerdetem, kraftvoll-sensiblem Ton, das Blech schneidig, die fabelhaften Holzbläser nicht ätherisch, sondern von unprätentiöser Lebendigkeit. Tugenden, die zuvor auch eitel Sonnenlicht in Janaceks „Totenhaus“-Suite gebracht hatten und auch in Mozarts c-moll-Konzert das Orchester zum Hauptakteur werden lassen: Mit sinfonischem Atem und einer bis in die kleinsten Geigenseufzer spannungsgeladenen Phrasierung lösen Nott und seine Musiker das Ideal einer musikalisch belebten Präzision ein. Der akkurate Gerhard Oppitz am Klavier hat dem nichts mehr hinzuzufügen.

* * *

KUNST

Immer der

Wirklichkeit nach

Der Gegensatz zwischen Natur und Kunst lässt Künstler Partei ergreifen – zu Gunsten der Natur, wie in der Ausstellung realfiktiv der Guardini Stiftung (Askanischer Platz 4, bis 7. April). Mittels ironischer Reproduktion suchen Matthias Hoch und MK Kähne , die Konstruiertheit unserer Wirklichkeit zu demaskieren. Der Fotograf Hoch zeigt uns Hochhäuser mit schießschartenartigen Fenstern, Flughäfen, die in ihrer asphaltierten Weitläufigkeit Angst machen, und immer wieder Parkplätze – Orte, die ihren Benutzern vielleicht Aufenthalt sein können, nicht aber Lebenswelt. Daneben Skulpturen, in die Kähne die Selbstbezüglichkeit des modernen Menschen hineinmodelliert hat, etwa die Büste eines Anzug tragenden Mannes: Steht man davor, erscheint das Bild des Betrachters auf einem Minibildschirm, an den eine Digitalkamera angeschlossen ist. Den Künstlergrößenwahn entlarvt das futuristische Modell eines „Ateliers“, das eher ein Landgut mit einer Unzahl von Häusern zum vielfältigen Freizeitvertreib darstellt. Besonders symbolträchtig wirkt die Fotografie eines Astronauten, der zwischen seiner Raumfähre und der Erdkugel schwebt – eine Parabel der Entfremdung von der Erde, die die kontinuierliche Bemächtigung der Natur durch den Menschen thematisiert. Allerdings: Die Deklaration einer Fotosammlung zur Kunst ist selbst Ausweis der Verflachung, die unsere Wirklichkeit und ihre Wahrnehmung durchlaufen haben; das Gesehene und seine Abbildung sind mechanisiert, unnatürlich. Die unausgesprochene Selbstbezichtigung als Generalangriff auf den Verlust von Natur – ein Motiv, das nicht neu, aber aktuell ist. Konstantin J. Sakkas

ARCHITEKTUR

Immer der

Sonne nach

1930 hätte er Direktor des Dessauer „Bauhauses“ werden können, doch er war selbstbewusst genug, das Angebot abzulehnen. Stattdessen nahm Mies van der Rohe an, gleichaltrig wie Otto Haesler, der blieb, wo er bauen konnte und wollte – in Celle. Haesler ist es, der die Stadt auf die Landkarte des „neuen bauens“ gesetzt hat, mit seinen farbigen Siedlungen und der viel bewunderten Volksschule von 1928, einer zweizeiligen Anlage, mittig verbunden durch eine glasgedeckte Turnhalle. Haesler baute – konsequent wie kein Zweiter – Siedlungen in strenger Zeilenbauweise, ausgerichtet nach den Himmelsrichtungen, mit Waschhäusern und Mietergärten. Sein Einfluss auf die damalige Avantgarde war beträchtlich. Haeslers „Problem“ war Celle, das Kurt Schwitters, der ihm manche Drucksachen entwarf, mit leiser Ironie irgendwo zwischen Hamburg und Hannover lokalisierte.

Und Celle hat Haeslers Erbe schlecht verwaltet. Vieles wurde abgerissen und verunstaltet. Noch die große Gedenkausstellung, die endlich zum 125. Geburtstag anstand, richtete im vergangenen Jahr – ausgerechnet! – die Stiftung Bauhaus Dessau aus, ehe sie nun – später Stolz der Stadt, aber immerhin – nach Berlin gekommen ist, wenn auch nur kurz in die lichte Halle der Niedersächsischen Landesvertretung (In den Ministergärten 10, bis 26. März, tgl. 11-18 Uhr). Da ist ein Großer der Weimarer Epoche zu entdecken, und was die mit einer erstaunlichen Fülle an Originaldokumenten und Modellen aufwartende Ausstellung nicht zeigen kann, enthält der umfassende Katalog von Simone Oelker, Ergebnis mehrjähriger Forschungsarbeit (Dölling und Galitz Verlag, Hamburg, 344 S., 30 €). Und wieder ist unser Bild der Zwanzigerjahre um ein gutes Stück reicher geworden. Bernhard Schulz

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben