Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

JAZZ

Wenn Schweizer

Tee trinken

Als Ronin werden in Japan Samurais bezeichnet, die sich während der Feudalherrschaft von ihren Lehnherren befreit haben – so ungefähr jedenfalls lässt es sich auf den Zürcher Pianisten Nik Bärtsch übertragen, der sich mit seinem Quartet Ronin ein höchst eigenwilliges Konzept ausgedacht hat. Eine Musik, die er selbst als „Minimal-Ritual-Zen-Groove-Funk“ bezeichnet und die zwei grundverschiedene Klangwelten zusammenbringt: die aufgewühlte Hitze von Jazz und Funk mit der Andacht einer japanischen Teezeremonie. Nach sechs Alben in Eigenregie ist bei ECM nun das Album „Stoa“ erschienen, das im Goya vorgestellt wurde.

Hochkonzentriert klemmen die Musiker hinter ihren Instrumenten – Schlagzeug, Perkussion, E-Bass, Bassklarinette, und Bärtsch selbst, der mit seinen Kürzeln am Klavier und Fender Rhodes die Stücke bestimmt. Doch während sich bei den Studioaufnahmen aus den Minimal- Mustern eine Musik voll innerer Spannung entwickelt, verheddern sich die Musiker bei der Bühnenpräsentation in den schlechten Gewohnheiten des selbstgefälligen Muckertums bei Jazzkonzerten. Doch noch ist nichts verloren. Wer nach neuen Wegen im Jazz sucht, geht heute zur Maerz-Musik ins Haus der Berliner Festspiele (22 Uhr), wo der japanische Gitarrist Otomo Yoshihide in der „Sonic Arts Lounge“ auftritt – ein herrenloser Samurai mit scharfer Klinge.

* * *

THEATER

Wenn Ungarn sich

was mitteilen

Eine schöne junge Frau im Abendkleid hat anregenden Oralsex mit ihrer Oboe, entlockt ihr anschließend die Europahymne und überlässt die Bühne dann einem ehrgeizigen Lokalpolitiker. Der hat seine Rhetorik-Lektion gelernt: In mindestens 27 verschiedenen Tonlagen rülpst er sich durch seine Antrittsrede. Der Politiker und der Oboensex haben authentische Vorbilder. Ebenso wie die halbseidenen Priester, die Dopingsünder und die missbrauchten Kinder, die Árpád Schillings Blackland im HAU 2 (noch einmal heute, 20 Uhr) sonst noch bevölkern. Denn die Politrevue des Budapester Krétakör-Theaters greift auf dokumentarisches Material zurück: Seit dem 1. Januar 2004 sammelte Schilling SMS-Nachrichten der Sparte Vermischtes und ließ seine Schauspieler darüber improvisieren. Nach Vorbild der realen Informationspolitik hüpft der Abend also zwischen der Folter von Abu Ghraib und „fälschlicherweise am Gehirn operierten Patienten“, zwischen Umfrageergebnissen zum Sexappeal ungarischer Frauen und Kommentaren zum EU-Beitritt hin und her. Eine höchst gelungene Inszenierung, die ohne jede Moralinsäuerlichkeit beweist, wie ernst es einem mit einem groteskesten Nummernprogramm sein kann. Von ebenso stilsicherer Seite zeigt sich das Ensemble nächste Woche mit seiner international gefeierten „Möwe“ im HAU 1 (21. – 23.3.): Tschechow in Bestform mit Jeans auf leerer Bühne! Christine Wahl

* * *

KLASSIK

Wenn die Musik

einen Kreis bildet

Erst in den Zugaben (einem wild ausbrechenden Bartók- und einem melancholischen Mozart-Satz), scheint das Zehetmair Quartett zu sich selbst zu finden – und die Kombination der beiden Komponisten wird glaubwürdig als Konfrontation aus einem gemeinsamen kontrapunktischen Geist heraus. Warum das Spiel der seit 1998 mit größtem Erfolg konzertierenden Formation im Kammermusiksaal anfangs nicht so recht über die Rampe kommt, liegt wohl an ihrer ungewöhnlichen Aufstellung: Die Geiger Thomas Zehetmair und Kuba Jakowicz verdecken die Sicht auf die Bratscherin Ruth Killius und die dahinter sitzende Cellistin Ursula Smith, bilden damit einen geschlossenen Kreis. Das mag der klassischen Tradition gehorchen und für die spielerische Konzentration hervorragend sein. Dem Publikum wird so ein etwas kühler „Stehempfang“ bereitet.

Gleichwohl besticht an Mozarts frühem KV 156 die geschmeidige Tongebung, die der ersten 6/8-Bewegung flirrende Leichtigkeit verleiht, im kühn-chromatischen Adagio dagegen zu fast schroffer Dynamik greift. Eine extrem weite dynamische Palette gibt auch dem „Jagdquartett“ KV 458 die klangliche Tiefenschärfe. Und natürlich ist in Béla Bartóks fünftem Streichquartett die Klarheit der Linienführung, die nie nachlassende Spannkraft und das insektenhaft zarte Sirren und Surren der „Nachtmusiken“ zu rühmen. Ohne existentielle Gefährdung auch im Virtuosen aber bleibt jede Musik steril. Isabel Herzfeld

0 Kommentare

Neuester Kommentar