Kultur : KURZ & KRITISCH

Johannes Völz

JAZZ

Auf die Bühne,

fertig, los

Bis in die Morgenstunden drängten die Musiker auf die Bühne, bliesen endlose Soli, und als der Klavierspieler nachts um vier erschöpft vom Stuhl sank, ging einer los und holte die Pianoqueen Mary Lou Williams aus dem Bett. So muss es gewesen sein, im Kansas City der Dreißiger, als der Jazz seine Kraft aus der Jamsession zog. Heute jammen nur noch die Studenten. Sedal Sardan, Chef des Berliner A-Trane , bedauert das: „Die Jungs sollen wieder an ihre Grenzen gehen.“ Also hat er nachgeholfen, mit der neuen Konzertreihe „Jazz Report“, für die er einmal im Monat Musiker aussucht, die noch nie zusammengespielt geschweige denn geprobt haben.

Auf die Bühne, fertig, los. So jedenfalls geht es Felix Lehmann an, ein junger Kraftbolzen, der sich an seinem Schlagzeug abarbeitet wie an einem Sandsack. Offenbar hat er keine Lust auf langwierige Experimente, sein Ding ist der Funk. E-Bassist Edward McLean zieht sofort mit, die Band groovt bestens. Doch sucht Lehmann damit den kleinsten gemeinsamen Nenner an einem Abend, an dem sich die fünf Musiker der rätselhaften Zahl „unendlich“ nähern könnten. Der Gitarrist Kalle Kalima , sonst ein unerschrockener Stilwirbler, kann kaum verbergen, wie ihn das alles langweilt. Er verschränkt die Arme über der Gitarre, überlegt ein bisschen und zitiert dann das abgedudelte „Summertime“. Klingt ja wie früher. Nein, nicht in Kansas City. Bei der Studenten-Jamsession.

* * *

KLASSIK

Harmonien,

Herzstillstand

Blaumann oder Smoking? Diese Frage stellt sich den Besuchern der Forumkonzerte des RIAS-Kammerchors , die unter dem Motto „Einklang und Widerhall“ an ungewohnten Orten stattfinden. Industriekathedralen gehören ebenso dazu wie der Eichensaal der Siemens-Hauptverwaltung , wo zehn engagierte Mitglieder des Ensembles mit Robert Schumanns Oratorium „Der Rose Pilgerfahrt“ aufwarten. Musik und Architektur kommen sofort ins Gespräch. Merkwürdig intim wirkt der Sitzungssaal, in dem Manager einst die Geschicke des Weltkonzerns lenkten – als sei man bei einem der kunstverständigeren von ihnen zum Salon geladen.

Da blüht dann Schumanns Rose – „umschlingt mit beiden Armen fest den geliebten Mann; so schmiegt sich an die Eiche der Efeu gläubig an“, singt der Bassist. Die trutzigen Säulen am Portikus mögen sich verstanden fühlen, doch eine Zuhörerin lacht leise auf. In den Chorpassagen gelingt es den Sängern dagegen, eine glaubwürdige Atmosphäre zu zaubern. Das tote Holz der Wände scheint sich daran zu erinnern, dass es einmal romantischer Wald war, und sogar Worte wie „O Herz, wenn dich die Menschen verwunden bis in den Tod, dann klage du dem Walde vertrauend deine Not“ fühlen sich nach Literatur an. Der umsichtig begleitende Pianist Philip Mayers erinnert an die unheimlichen Seiten der Schumannschen Idylle: Mit herben Harmonien lässt er das Kind nach der Rose der Mutter greifen, bevor zu deutlichen Pausen mit ihrem Herz auch fast jenes der Zuhörer stockt. Carsten Niemann

POP

Punkt acht,

Licht aus

Gesetzte Paare im bestuhlten Tempodrom . Dreimal klingelt es: Punkt acht. Licht aus. Jubel. Chris Rea . Kommt lächelnd im schlodderig schwarzen Anzug, ist dünn geworden. Die letzte Tournee hatte er absagen müssen. Und da der Krebs unberechenbar sei, hat er beschlossen, sich nun endgültig von den Konzertbühnen zu verabschieden. Swingender Blues mit leichtem Jazzeinschlag. E- Piano, Gitarre, Schlagzeug, Bass. Und im Zentrum der 55-jährige Rea mit der angenehm rauchigen Stimme und glitzerblauer Gitarre. Einer italienischen „Maranello Classic“, Huldigung an das Land, aus dem Reas Vater einst nach England ausgewandert war. Offene Stimmungen und Bottleneck. Rea lässt die Harmonika schreien, Schotter über die Stimmbänder rieseln. Melancholischer Blues im blauvioletten Licht. Kleine Scheinwerfer, wie Stehlampen, warm und gedämpft, erzeugen intime Jazzclubatmosphäre.

Auf die Rückwand sind einige von Reas Gemälden projiziert: „Blue Guitars“, die traurigen Gitarren, aus denen man Munchs Schrei zu hören glaubt, und Dalis zerfließende Zeit. Und wenn das hingerissene Publikum einen Song erkennt, macht es sich auch gleich daran, ihn gnadenlos zu zerklatschen. „Josephine“. Rea plickert auf einem Banjo, singt von den „Highways" und den „Roads“, den ländlichen und den steinigen. Über den Ku Klux Klan. Über die Liebe und die Frauen. Und kann auch heftig rocken: „Stainsby Girls“ klingt heute wie „Brown Sugar“ von den Stones. „Dankeschön“, sagt Rea,lässt sich eine neue Gitarre reichen und zaubert ein Bottleneck-Solo zu „I Can Hear Your Heartbeat“ aus der alten Stratocaster. Denkt an den frühen Ry Cooder dabei und die Melodie von Dan Penns „Dark End Of The Street“, Bob Marleys Reggae, und schließlich afrikanische Polyrhythmik. Bevor sich „Road To Hell“ nochmal in fröhlich rockendem Boogie austobt. Und die letzte Zugabe zurückkehrt zur blauen Stille am „Moon River“ H.P. Daniels

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