Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Wenn Beethoven

schroff wird

Ein Abend der Hochspannung: Schönbergs unheilschwangeres Monodram „Erwartung“ spannt Daniel Barenboim in der Philharmonie mit lichtvollen BeethovenWerken zusammen. Der Maestro macht daraus eine grandiose „Durch Nacht zum Licht“-Inszenierung. Angela Denoke gibt dazu die grandios flutende Stimme, die Extreme höchster Höhen und tiefster Abstürze umfasst. Barenboim peitscht die Staatskapelle Berlin zu Klangexzessen hoch, und doch schmiegt sie sich der Sängerin an, trägt sie durch die hitzigen Aufwallungen der komplexen, in grellen Glanzlichtern auch transparenten Musik.

Dieser Schönberg hat nichts Abschreckendes mehr für ein Publikum, das Denoke mit Ovationen feiert. Und willig vollzieht es den Sprung zu Beethoven mit.

Wie bei Schönberg regiert auch hier der größtmögliche Effekt. Als schwänge die Nervosität von „Erwartung“ noch nach, kann Barenboim als Solist des 4. Klavierkonzerts sich nicht genug tun mit heftigst anrollendem Laufwerk, Oktavgewittern, ingrimmigen Trillerketten. Dem harten Zugriff steht das zarteste Pianissimo gegenüber. „Klassisch schön“ ist das keineswegs: Selten klang das Orchester-Unisono im Andante so unbarmherzig schroff, selten die Klavierantwort so fahl, so verletzt. Wenn Barenboim in der Chorfantasie, bevor der Staatsopernchor berührend zarte Töne in Begeisterungsrausch überführt, den Klavierpart in Extremen ausspielt, dem Akkorddonner spitzig getupfte Stakkati folgen lässt, ahnt man: So muss Beethoven improvisiert haben.

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KUNST

Wenn Berlin

sich mondän gibt

Ihre Schieber, Kriegsversehrten und Halbweltdamen erinnern an Otto Dix und George Grosz. Und doch ist das Bild, das die 1896 in Berlin geborene Erna Schmidt-Caroll in den zwanziger Jahren von ihrer Vaterstadt gezeichnet hat, deutlich milder, subtiler. 140 Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafiken der zu Unrecht Vergessenen stellt die Stiftung Stadtmuseum Berlin aus (Ephraim-Palais, bis 25. Juni, Katalogbuch 34 Euro). Schmidt-Caroll gehört zur „verlorenen“ Generation, die Nazizeit und Weltkrieg als nachhaltigen Karriereknick erleben mussten. Ihr Studium beendet sie 1920 als Meisterschülerin von Emil Orlik an der Unterrichtsanstalt des Berliner Kunstgewerbemuseums. Ihre Lehrtätigkeit an der renommierten ReimannKunstschule kann sie zwar bis 1943 fortführen, doch als Künstlerin verliert sie nach 1933 jeden Biss. Flott und präzise beobachteten Szenen aus dem Berliner Straßen- und Nachtleben folgen nun harmlose Landschafts- und Kinderbilder. Schmidt-Caroll, die auch als Modezeichnerin, Textilentwerferin und Buchillustratorin brilliert hat, ist immer dann am besten, wenn sie Frauen zentral ins Bild rückt: Ihre Mondänen bieten fiesen Oberkellnern und ältlichen Verehrern die Stirn; kesse Serviermädchen und Tänzerinnen stehen auch für sexuelle Selbstbefreiung. Da ist sie: die „Neue Frau“ der zwanziger Jahre. Michael Zajonz

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