Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Die Bratsche strahlt

von innen

Merkwürdig, dass nicht mehr Ensembles von der Bratsche aus geleitet werden: Schon Bach wählte die unscheinbare Mitte des Streicherkörpers, um von dort aus das Ganze in den Griff zu bekommen – die Violavirtuosin Tabea Zimmermann wechselte bei ihrem Gastauftritt mit dem Ensemble Oriol im Kammermusiksaal der Philharmonie gleich zwei Mal vom Orchester- zum Solistenpult. Spannend war es derweil zu beobachten, wie der klare, volle Klang ihres Instruments, ihr natürlicher und freier Strich auch in Felix Mendelssohns-Bartholdys „Schweizer Sinfonie“ von innen bis an die Oberfläche des Streicherkörpers hinauf strahlte. Kein Zufall, dass die an Bach geschulten Fugati des Stücks besonders intensiv gelangen. Toshio Hosokavas Solokonzert „Voyage VI“ für Bratsche und Streicher mochten auch etliche Neue-Musik-Skeptiker unter den Abonnenten. Die Solistin und der anwesende Komponist hatten die Anklänge an Klangfarben und Modelle traditioneller japanischer Hofmusik fast unmerklich in den üblichen Avantgardesound integriert. Das Stück gewann so eine meditative Ausstrahlung – als handele es sich um Musik für ein noch nicht erfundenes Ritual. Nicht ganz so zwingend gelangen Benjamin Brittens Dowland-Reflexionen „Lachrymae“: Die fragmentarischen Abschnitte schienen hier eher gereiht statt Ausdruck einer inneren Suche zu sein.

KLASSIK

Die Geige wirft

die Bälle

Nachdem die letzten orgiastischen Trommelwirbel aus Maurice Ravels „Daphnis et Chloé“ verklungen sind, wird Kirill Karabits mit Ovationen überschüttet. Der 30-jährige Ukrainer krönt sein „Debüt im Deutschlandradio“ am Pult des Deutschen Symphonie-Orchesters in der Philharmonie . Die Reize dieser schwierigen Partitur, ihre Opulenz und Klangsinnlichkeit entfaltet er aus der Transparenz, der unbedingten Deutlichkeit aller Stimmen. So besticht die Palette dunstiger bis gleißender Farbwerte im „Lever du jour“, die prickelnde Eleganz der „Danse générale“. Zu Beginn kündigte bereits Prokofjews „Symphonie classique“ die feinsinnige Präzision eines Dirigenten an, der auch als Musikwissenschaftler und Begleiter der beiden Solisten des Abends gute Figur macht. In Mozarts Violinkonzert A-Dur wirft er sich mit dem sensibel gestaltenden Kristóf Baráti beschwingt die motivischen Bälle zu. Auch im Trompetenkonzert c-moll von Vladimir Peskin gelingt ihm die Aufhellung des schwerblütig-romantischen Orchestersatzes. Eine Hilfestellung, derer Giuliano Sommerhalder allerdings kaum bedarf: Mit unbestechlichem Geschmackssinn serviert der 21-jährige Zürcher noch die zuckrigsten Kantilenen, besticht durch Noblesse in dramatischen Passagen und verblüfft durch die Leichtigkeit halsbrecherischer, chromatisch verwickelter Läufe und Sprünge. Isabel Herzfeld

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