Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Himmlisch

entrückt

Selbst wenn er vor den Berliner Philharmo nikern steht, einem modernen Orchester also, umgibt den Dirigenten Nikolau s Harnoncourt das Flair eines Professors für Aufführungspraxis. Mit einer solchen Position ist er in die Geschichte des Salzburger Mozarteums eingegangen. Der Originalklangpionier aus Wien. Von daher bringt er die Erfahrung ein, dass bei wichtigen Komponisten der Klassik und Romantik auch die kleinste Begleitfigur melodisch beachtet sein will. Harnoncourts Dirigieren besteht vor allem darin, aufmerksam zu machen. Das gilt auch für die Akzente, die in den Partituren stehen. Nach der Oper „Alfonso und Estrella“ beendet der Maestro nun seinen Berliner Schubert-Zyklus mit früher und letzter Sinfonik. Die Vortragsfolge zeigt, wie viel vom Spätstil Franz Schuberts sich schon in der Mozart-nahen Fünften B-Dur andeutet. Der zweite Sinfoniesatz, Andante con moto überschrieben wie der der „Großen“ in C-Dur, nimmt nicht nur die „Längen“ voraus, die Robert Schumann „himmlisch“ genannt hat, sondern auch harmonisch überraschend Entrücktes.

Den Maßstab philharmonischer Qualität setzen der Hornist und die Hornistin, die mit ihrer Melodie das C-Dur-Wunderwerk aufschließen. Eine Nähe, wie Harnoncourt sie zu den Wiener Philharmonikern genießt, will mit den Berlinern immer erst wieder erworben sein. Er animiert die Interpretation Schritt für Schritt und wird in der Philharmonie mit Ovationen gefeiert. Sie schließen sein Lebenswerk ein.

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KLASSIK

Feurig

entzückt

Starke Persönlichkeiten brauchen starke Partner. So auch der Barockgeiger und musikalische Feuerkopf Andrew Manze . Er hat seinen starken Partner seit langem in dem Cembalisten und Pianisten Richard Egarr gefunden: Keiner von jenen grauen Begleitern, welche die Energie des Solisten bloß abfedern, sondern ein ebenfalls vor Ideen sprudelndes Gegenüber, das sogar Manze mit seinen Einfällen sichtlich zu überraschen weiß – ohne ihn dabei aus dem Konzept zu bringen. Vielleicht könnte auch das Kammerorchester The English Concert , das Manze neben seiner solistischen Tätigkeit seit 2003 leitet, einmal ein solcher Partner werden. Doch noch, das zeigt der Auftritt des Ensembles im Konzerthaus , ist es nicht so weit.

Am wenigsten überzeugt Haydns Sinfonie Nr. 64. Das Orchester scheint zwar bereit, den detailreichen und spontan wirkenden Einfällen Manzes zu folgen, bleibt aber in Sachen Intensität immer hinter dem neuen Leiter zurück: Ein Gegengift, aber noch keine Alternative zu der routinierten Präzision unter Manzes Vorgänger Trevor Pinnock. Gelungener die Interpretation der experimentellen Sinfonien Wq 183/1 von Carl Philipp Emanuel Bach. Hier zwingen beziehungsweise motivieren zahlreiche Soli für einzelne Orchesterinstrumente die Musiker zu eigenständigeren Statements. Kostbare Momente gibt es im Adagio von Mozarts Violinkonzert KV 216: Manze lenkt seinen sonst werbend auf die Musiker gerichteten Blick vom Ensemble fort und lässt seinen Ton gelassen vom Gesamtklang in den großen Saal tragen. Weiter so. Carsten Niemann

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KUNST

Wege

verrückt

Die vielschichtige Großstadt begreift ein Künstler am besten umherschweifend. Vom „Flanieren“ sprach Walter Benjamin – und das klingt genauso anspruchsvoll wie unangestrengt. An diese Tradition der Stadterkundung knüpfen vier Museologie-Studenten an, die sich „Raumcommander“ nennen. Sie haben in den ehemaligen Räumen der Szenekneipe White Trash die Gruppenausstellung Polysphäre. Künstlerische Positionen zur Großstadt organisiert (bis 30. März. Torstraße 201). Was als Thema allzu beliebig erscheint, findet in den Installationen, Videos und Bildern der zwölf jungen Künstler eine gelungene Konkretisierung. Ohne sich auf einen speziellen Ort zu beziehen, finden die Arbeiten, die durch ein Begleitprogramm aus Film und Lesungen ergänzt werden, unterschiedlichste Ansätze: Mal erscheint die Stadt als totalitär überwachter Moloch, mal als klaustrophobischer, anarchischer Unort. Hier bleibt die Metropole Oberflächenreiz aus flackerndem Neonlicht, dort ist sie Stätte verborgener Wünsche.

Am schönsten setzt sich der niederländische Kunststudent Willem Besselink mit dem Thema Flanieren auseinander: Er hat einen Raum mit quadratischen Platten ausgelegt und registriert die Wege der Besucher. Auf den meistbetretenen Pfaden stapelt er die Platten höher, so dass sich in dieser nun entstanden, zerklüfteten Stadtlandschaft die Wege abzeichnen. Beobachter verändern ihre Umgebung. Gleiches gilt für die Ausstellung: Die Zwischennutzung der Barräume ist selbst künstlerische Position. Sie verändert die Stadt – wenn auch nur ein wenig. Daniel Völzke

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