Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Grüße an die

zweite Heimat

Eine Liebe zu Japan hat Holm Birkholz mit seinen „Essenzen“ komponiert, die er „Vier Bilder“ nennt. „Für Toru und Ayumi“: Die Widmung gilt Toru Yasunaga , einem der ersten Konzertmeister der Berliner Philharm oni ker , und seiner Frau, während Birkholz selbst im Orchester der Gruppe der zweiten Violinen angehört. Das Stück, eine Hommage an den japanischen Musiker und sein Land, ist mit sensiblem Gehör dafür gemacht, den Virtuosentyp Yasunagas zur Wirkung zu bringen. Mit sparsamen Klaviereinwürfen Ayumi Ichinos und einer Art Spieluhr zum Schluss erklingt das Auftragswerk der Philharmoniker im Kammermusiksaal vor allem als intimes Geigenfestspiel. Zart insistierende Varianten eines kleinen Motivs, Nachtlieder I und II um zwei Mittelsätze, besonders aber die schwankende Intensität und Farbe des Tons schaffen eine Atmosphäre der Ferne, die bei vielen Philharmonikern längst als zweite geistige Heimat angekommen ist.

Die Musik profitiert wesentlich von der Intonationsklarheit des Interpreten. Für ein Duo von Martinu bringt er den Cellisten Danjulo Ishizaka mit. Der junge Musiker, der noch an der Hanns-Eisler-Hochschule studiert, verfügt über wunderschönen Klang, und das aparte Stück bietet reichlich Solistenfutter. In dem spätromantischen Gewölk eines Klavierquintetts d-Moll von Frank Bridge fällt der relativ helle Bratschenton des Philharmonikers Matthew Hunter auf. Und für Konzertmeister Yasunaga ist es selbstverständlich, die Führung des Ensembles zu übernehmen.

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KLASSIK

Abschied von

den Vogelstimmen

Einen breiten Raum nehmen Orchesterkonzerte bei der diesjährigen MaerzMusik ein. Vielleicht rührt daher der Eindruck des Etablierteren, weniger Experimentellen. Sei’s drum: Das Gastspiel des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden in der Philharmonie stellt einen, wenn nicht den Höhepunkt der diesjährigen MaerzMusik dar. Und das nicht nur wegen des vor Energie fast berstenden, zu höchster Virtuosität antreibenden Dirigats von Sylvain Cambreling. Sondern vor allem wegen der überwältigenden Qualität der Werke. Olivier Messiaens „Chronochromie“ von 1959/60 ist natürlich ein Klassiker der Moderne, in dem der quasi naturalistische Ansatzpunkt der Notation von Vogelgesängen in strenge Zeitgestaltung mündet. Doch der junge Vykintas Baltakas braucht sich hinter Messiaen nicht zu verstecken: Mit der uraufgeführten Neufassung von „Poussla“ erreicht der 34-jährige Litauer eine vergleichbare Farbintensität, setzt dem die eckig hin- und herrollenden Fragmente eines „Concertino“ von Akkordeon, Solovioline und Klavier entgegen. Am anderen Ende der Farbskala steht Helmut Lachenmanns „Schreiben“, emphatisches Bekenntnis zur geschriebenen Partitur und doch Einspruch gegen Klangpracht in geräuschhaften Schattierungen. In vielschichtigen Verknüpfungen wird das Werk eine instrumentale Nachbemerkung zur Oper „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“, die in vergeblicher Beredtsamkeit tief berührt. Isabel Herzfeld

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