Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Unscheinbare Frau, großer Glaube

„Ich habe den Herrn gesehen“, sagt die junge Frau in Rot und strahlt, „er hat zu mir gesagt...“. Kunstpause. Wissen wir doch, denkt sich der Zuschauer: Noli me tangere – rühr mich nicht an! So steht es bei Johannes. Die Frau aber sagt nichts, sondern schaut traurig drein. Eine Dissonanz zwischen Erwartung und Erfahrung für das Publikum der MaerzMusik . Effekte wie dieser genügen, dass die Spannung über die ganze Länge von Makiko Nishikazes Musiktheaterstück „M. M.“ trägt. Leise und raffiniert ziehen die Komponistin und das Team um Regisseur Christian Kesten ihre Zuhörer im Werner-Otto-Saal des Konzerthauses in Maria Magdalenas Seelenleben hinein. Sie zeichnen das Psychogramm einer Frau, die als Stifterin des Christentums gelten könnte: Schließlich war sie die Erste, die glaubhaft von einer Begegnung mit dem Auferstandenen berichtete. Mit würdiger Ruhe in den Bewegungen bringen die Mezzosopranistin Gisburg, die vier Stimmkünstler der Maulwerker und die Musiker des Kammerensembles Neue Musik Berlin das Erlebnis der Auferstehungsnacht auf die Bühne. Luftgeräusche wirken mal wie kalter Wind über einer einsamen Seelensteppe, dann plötzlich erscheinen sie wie natürlicher Atem. Ein Kontrabassist liegt unter seinem zum Sarg gewordenen Instrument begraben. Ein Dämpfer, zu passenden Textfragmenten in eine Tuba eingeführt, wird zum Symbol für die Gegenwart des Herrn, ohne die Grenze von der Doppel- zur Eindeutigkeit zu überschreiten. Ein starker Abend. (Noch ein Mal heute, 20 Uhr.)

ARCHITEKTUR

Alte Städte, neue Lösungen

Etwas großspurig widmet sich die aktuelle Ausstellung im Deutschen Architekturzentrum Berlin mit dem Titel „archXchange“ dem großen Thema der „kulturellen Identität durch Architektur“, das am Beispiel der beiden Hauptstädte Moskau und Berlin behandelt wird (Köpenicker Straße, bis 21. April, Katalog 17 €). Von der Architektengruppe Team 05 initiiert, versteht sich die Ausstellung als Auftakt für einen Ideenaustausch zwischen Russland und Deutschland. Im Zentrum stehen die Ergebnisse eines Workshops in Moskau, der sich um die Wiederbelebung eines nicht mehr genutzten Industrieareals bemühte. Ziel war es, für die „Danilovskaya Manufaktur“ in unmittelbarer Wasserlage an der Moskva ein Konzept als kulturelles Zentrum zu finden. Die bunten Bilder, mit denen die beteiligten Architekturbüros ihre Lösungen präsentieren, sind allerdings für Nicht-Architekten ohne die Erläuterungen im Katalog kaum verständlich.

Dort aber fesselt vornehmlich ein Text von Werner Sewing. Unter dem Titel „Architektur und Identität, oder Abgesang auf die Avantgarde?“ machte er sich Gedanken zu Berlin und Moskau, die für ihn „Metropolen des Rückschritts“ sind. In seinem klugen Beitrag bezieht er sich nicht nur auf das Verhältnis zwischen selbstkritischer Moderne und aggressivem Neoklassizismus, sondern umreißt auch die Aufgabe der Baukultur, „Bedingungen für konsequente Experimente“ zu schaffen. Wie immer bei Sewings Texten gilt auch hier: Unbedingt lesenswert! Jürgen Tietz

KUNST

Junge Kaiser, lange Hälse

Mondschein, Rhomben, Quadrate, junge Kaiser und lange Hälse. Das sind die Elemente und Realitätsfragmente, mit denen Alessandro Carlini spielt, die der seit 40 Jahren in Berlin lebende Italiener in seinen Kompositionen zerlegt und wieder neu montiert. ConFigurazioni , seine aktuelle Ausstellung im Italienischen Kulturinstitut (Hildebrandstr. 2, bis 27. April) ist eine Reflexion über den Bildbegriff. Mittels Geometrie sucht der Künstler Dynamik zu erzeugen, eine Bewegung im Raum. Carlini schafft sie durch die Gegenüberstellung leerer und voller Flächen, durch kantige Formen und eine kontrastreiche Farbgebung. Seine Werke enthalten eine funktionalistische Vision von Schönheit, deren grandioses Scheitern sie bereits in sich tragen – ähnlich der Architektur Marzahns, an der Carlini als Architekt lange beteiligt war.

Die geometrischen Kompositionen werden ergänzt von einer Reihe von Köpfen: Indem Carlini seine Freunde, unbekannte wie bekannte Personen porträtiert, schafft er sich seine ganz private Mythologie. Auch hier herrschen intensive Farben. Allerdings zeichnet Carlini seine Köpfe in einem fast comichaften Stil. Die geometrischen Flächen verschwinden nie gänzlich. Sie umstellen die Köpfe, bilden den Hintergrund, als suchten sie den Dialog mit den Menschen. Der Kunsttheoretiker Achille Bonito Oliva, der die Ausstellung eröffnete, erkennt in den „ConFigurazioni“ den gleichen Wunsch nach Vermittelbarkeit wie schon beim Architekten Carlini. Marco Benedettelli

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