Kultur : KURZ & KRITISCH

Michael Zajonz

SKULPTUR

Patriotismus

in Stein

Paris galt im 19. Jahrhundert als Hauptstadt der Kunst. Berlin darf für sich beanspruchen, eine Kapitale der Skulptur gewesen zu sein. In keiner anderen deutschen Stadt gab es eine so reiche und über Generationen hinweg kontinuierliche bildhauerische Produktion. Und kein anderes deutsches Museum besitzt eine umfassendere Sammlung von Skulpturen des bürgerlichen Zeitalters als die Berliner Nationalgalerie : 1465 Werke. Bernhard Maaz, Direktor der Alten Nationalgalerie und Kustos der Skulpturen , legt nun als Herausgeber und Hauptautor ihr Gesamtverzeichnis vor (Nationalgalerie Berlin. Das XIX. Jahrhundert. Bestandskatalog der Skulpturen, E. A. Seemann Verlag, zwei Bände und eine CD-Rom, 58 €). Zwanzig Jahre Forschungsarbeit stecken in diesem Mammutwerk, das alle Skulpturen abbildet, beschreibt und einordnet. Eine Entdeckungsreise nicht nur für Kunsthistoriker: Jenseits der ausgestellten Spitzenwerke von Johann Gottfried Schadow, Christian Daniel Rauch, Antonio Canova, Reinhold Begas oder Auguste Rodin, die man aus den ständigen Präsentationen in der Alten Nationalgalerie, der Friedrichswerderschen Kirche und den Außenposten der Berliner Museen in Bad Arolsen und Dortmund kennt, beeindruckt die hohe Qualität der Kollektion. Selbst wenn sich durch den lange bevorzugten Ankauf preußischer Bildhauer viel Vaterländisches angesammelt hat, das heute in den Depots schlummert.

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KUNST

Ornamente

des Alltags

Beschmiert mit einem Hakenkreuz steht der Wetterschutz aus Beton irgendwo auf dem Lande, umgeben von grauer Winterlandschaft. Und als ob die Trostlosigkeit des Ortes noch zu steigern wäre, hat Stefan Mauck seiner Fotografie des Wartehäuschens ein Zitat des spanischen Architekten Rafael Moneo hinzugefügt: „the solitude of buildings“. Mit seinen neuen Arbeiten in der Architektur Galerie Berlin (Ackerstraße 19, bis 15. April, Di–Fr 14–19, Sa 12-16 Uhr) gelingt es Mauck, architektonische Alltagsszenen in ihrer Banalität einzufangen und ihnen dennoch eine Qualität zu entlocken, die sie in die Kunstsphäre hebt. Das gilt nicht nur für seine Fotografien, sondern vor allem für seine Reliefs. Perspektivisch verkürzt und maßstäblich verkleinert, zeigen sie Fabrikhallen oder Autobahntoiletten. Es sind unspektakuläre Bauten, die er in Holz überträgt. Doch im Gegensatz zu seinen früheren Arbeiten bezieht der in Bern lebende Sprengel-Preisträger nun auch Graffiti in die Gestaltung ein. Die akkurat gearbeiteten Architekturmodelle sind mit penibel in Acrylfarbe aufgetragenen Sprüchen und Symbolen überzogen. Mauck sieht Gebäude als Kommunikationsträger, auf seinen minimalistischen Modellbauten wirken die Graffiti wie wuchernde Ornamente. Jürgen Tietz

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