Kultur : KURZ & KRITISCH

Michael Zajonz

KUNST

Kopf

aus dem Kanal

Während draußen am Lustgarten die erste Frisbeescheibe durch die Vorfrühlingsluft segelt, findet im Alten Museum ein kulturpolitischer Termin statt, der staatstragender nicht sein könnte. Im Beisein des italienischen Präsidenten Carlo Azeglio Ciampi eröffnen Kulturstaatsminister Bernd Neumann und Roberto Antonione, Staatssekretär für Auswärtige Angelegenheiten Italiens, eine Kabinettausstellung der Berliner Antikensammlung (bis 31. Mai, Katalog 19,80 Euro). Deren spektakuläres Hauptwerk kommt als Leihgabe aus Rom: Der 59 Zentimeter hohe Porträtkopf von Kaiser Konstantin wurde im vergangenen Juli bei Ausgrabungen im Traiansforum entdeckt. Im Mittelalter hatte man das um 312 n. Chr. entstandene Marmorbildwerk des ersten christlichen Kaisers, das vermutlich zu einer über vier Meter hohen Kolossalstatue gehörte, zum Reinigen der Kanalisation zweckentfremdet. Die Archäologen fanden es in einem Abwasserkanal. Die Erstpräsentation in Berlin verdankt sich, wie Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, betonte, der „persönlichen Leidenschaft“ von Staatspräsident Ciampi für die Berliner Museen. Sie besiegelt zudem den politischen Willen hinter dem 2002 zwischen Italien und Deutschland geschlossenen Abkommen über Kooperationen auf dem Gebiet der Archäologie.

DENKMALPFLEGE

Wandel

der Auffassungen

Nicht weniger als 12 000 Exemplare wurden von den ersten beiden Auflagen 1994 und 2000 verkauft. Nun ist bereits die dritte, wiederum neu bearbeitete Auflage erschienen: Der Berlin-Band des mehr als 20-bändigen Dehio-Handbuches der Deutschen Kunstdenkmäler erreicht offenkundig weit mehr Leser als den Kreis der Fachinteressenten. Die gestrige Buchvorstellung hätte, statt in dem wunderschönen Anatomischen Theater von Carl Gotthard Langhans (1790), auch im Zoo-Palast stattfinden können, spielte Landeskonservator Jörg Haspel auf den gewaltig gewandelten Denkmalsbegriff an, der sich heute auf Bauten bis in die unmittelbare Gegenwart erstreckt. Dieser Wandel befördert das Wachstum des Dehio – in der allerersten Ausgabe von 1906 waren Berlin ganze 15 Seiten gewidmet, während die 100 Jahre jüngere Neuauflage 762 Seiten beansprucht (Georg Dehio, Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler: Berlin. Deutscher Kunstverlag, Berlin, 762 S., 58 €) . Und doch ist der Berlin-Band – bearbeitet von Michael Bollé – ein Musterbeispiel für Ökonomie des Schreibens. Die Verwaltungsreform von 2001 machte die Neubearbeitung des Dehio, der in seinem Aufbau den Bezirksgrenzen folgt, ohnedies notwendig. Zudem ist vieles hinzugekommen, das heute als denkmalwert erkannt wird – und manches, das auch, unterdessen zerstört worden. Bernhard Schulz

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