Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Hofnarr mit Kreischfaktor

Vermutlich ist das Tempodrom der richtige Ort für ein Adam Green -Konzert: Die Richtungslosigkeit der lediglich halb gefüllten Betonarena passt zu einem Auftritt, der ratlos macht. Green hat sich vom Garagenfolk-Schrammler zu einem Entertainer der seltsamen Art entwickelt. Seine Songs sind verwinkelt und eingängig zugleich, sie klingen nach Las Vegas und Broadway. Zerzaust und windschief kommt er auf die Bühne geschlackert, tänzelt herum wie ein Hofnarr, macht alberne Ansagen, erzählt pubertäre Witze. Bei verblödelten Nummern wie „Carolina“ oder „Hollywood Bowl“ wirkt er wie sein eigener Karaokesänger, „Frozen In Time“ intoniert er konzentriert mit klarem, schönem Bariton. Die achtköpfige Band hält sich im Hintergrund. Der intensivste Moment ist eine Unplugged-Soloversion von „What A Waster“, einem Song der Libertines. Vor seinem schönsten Stück „Jessica“ lässt Green einen kapitalen Rülpser hören, den er mit „I eat and drink too, like you“ kommentiert. Bei Adam Green zerfließen die Grenzen zwischen Popkonzert und Comedy. Die kreischende Girlie-Fraktion stört’s nicht: Die mutigsten von ihnen stürmen am Ende die Bühne, jede darf kurz mit Adam knuddeln.

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KLASSIK

Hörer brauchen Märchen

„Jünglingsjahre in Salzburg“ nennt der Mozart-Biograf Paumgartner possierlich die Zeitspanne, in deren Serenadenfülle die „Notturna“ KV 239 gehört. Frappierend das Stück, weil zwei Streichorchester mit Soli von Violinen, Viola und Kontrabass durch Pauken grundiert werden. Man erlebt beim Rundfunk-Sinfonie orchester Berlin, was für ein schönes Instrument die Pauke ist. In der Philharmonie blickt die Interpretation unter Marek Janowski mit Anmut und Kontrolle auf ein Märchenalter der Unterhaltungsmusik. Sogleich blitzt auf, dass sich die Musiker mit gespannter Wachsamkeit in die Höhe der Spitzenorchester spielen. Zwei Mozart-Gesänge mit dem schlanken Sopran von Malin Hartelius: In der Idamantes-Arie wetteifert sie effektvoll mit obligatem Klavier (grazil: Camillo Radicke). Wenn dann Janowski in der Einleitung der großen C-Dur-Sinfonie Schuberts die Spur zum Allegro aufnimmt, eröffnet sich eine Interpretation von vitaler Folgerichtigkeit. Individuelles Solospiel und Herausforderung der Holzbläser. Das Werk steht als Ganzes da, das gar nicht lang genug sein kann. Sybill Mahlke

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