Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

POP

Die Extraportion

Gnade

Immer ist das Publikum interessiert und sachkundig im Berlin Guitars , ruhig und konzentriert. Keiner quatscht, niemand raucht. Ein Paradies. Heute sitzt da vorne ein amerikanischer Singer-Songwriter, dessen narbiges Gesicht, dessen traurig müde Augen einige Höllen ahnen lassen, durch die er irgendwann gegangen sein mag. Drogen, Alkohol, Vietnam? Wer weiß schon so genau, was David Munyon hinter sich hat? Fast pennerhaft wirkt zunächst der alte Hippie mit den straßenköterblonden Haaren, dem grauen Bart, Hawaiihemd, olivgrüner Schluffhose, Turnschuhen und dunkelgetönter Pilotenbrille. Bis er die schönen, gepflegten Hände auf seine Martin-Akustikgitarre legt. Und singt: herzerweichend heiser und kräckelig: „Goin’ back to the west coast“. Poetische Songgeschichten über die Härten des Lebens, zu Folkmelodien, Blues und Rock’n’Roll. Und die Zuhörer in den harten Bankreihen spüren, dass sie hier gerade einen ganz großen Songwriter erleben. Vom Format eines Townes Van Zandt, Guy Clark, Tom Waits, und ja: auch Bob Dylan.

Scheu verschanzt sich Munyon hinter zwei schweren Folianten, in denen er Song auf Song aufblättert. Er hat hunderte in seinen dicken Büchern, handschriftliche Textblätter, selbst illustriert: mit Zeichnungen, Notizen, Bildern von Krishna, Buddha, Jesus. Munyon ist ein religiöser Mensch, der sich vor jedem Song unauffällig bekreuzigt, der zwischendrin das alte Kirchenlied „Amazing Grace“ singt. Und schließlich lachend feststellt, dass für ein Wrack wie ihn eine Extraportion „erstaunliche Gnade“ nötig gewesen sei. Aber Munyon predigt nicht, bleibt in Glaubensfragen zurückhaltend, lässt seine exzellenten Songs sprechen, die keineswegs religiös tümeln. Und man spürt, wie gerne Munyon Gitarre spielt und singt, zweieinhalb berauschende Stunden lang.

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KUNST

Abdruck mit

Aura

Zeit spielt in der grafischen Kunst von Roberto Ciaccio eine herausragende Rolle. Das gilt auch für den Betrachter: Wer seine Bilder bloß flüchtigen Blickes streift, dem entgehen darin die Gespenster und Wiedergänger. Revenants – Widerspiegelungen der Matrix lautet der zunächst kryptisch anmutende Titel der ersten Museumsschau des 1951 in Rom geborenen Künstlers im Kupferstichkabinett (Matthäikirchplatz 6, bis 14. 5.).

Mit der Matrix ist schlicht die Druckplatte gemeint, die in Ciaccios Werk eine besondere Rolle spielt. Als der italienische Künstler, der sich immer wieder von Philosophie inspirieren ließ, Anfang der Neunziger an Blättern zu Martin Heideggers Textsammlung „Holzwege“ arbeitete, fiel ihm die ästhetische Qualität der Druckplatten selbst ins Auge. Ciaccio begann diese „Bildspeicher“ in seine Ausstellungen zu integrieren, die sich von Druck zu Druck verändern, reizvolle Kratz-, Rost- und Handspuren ansammeln und somit zu Zeitbehältern werden. Die vielfältigen Zeichen sind so dicht geschichtet, dass die Bildstruktur oft etwas Gespenstisches hat. Mit seinen Ensembles aus Blättern und Platten hinterfragt Ciaccio gleichzeitig Walter Benjamins These vom ent-auratisierten Kunstwerk im Zeitalter der Reproduzierbarkeit: Jeder Abdruck spiegelt die „Matrix“ und verströmt dennoch seine individuelle Aura. Einziges Manko der Schau ist die aufdringlich sakrale Ausstellungsarchitektur. Jens Hinrichsen

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ARCHITEKTUR

Jenseits des

Jägerzauns

Das erste Einfamilienhaus, das man baut, ist meistens auch das letzte. Und damit man an seinen eigenen vier Wänden wirklich ein ganzes Leben lang Freude hat, ist es unverzichtbar, sich vor dem Baubeginn genau auf dem Markt der Häuslebauer umzusehen. Eine Entscheidungshilfe kann da der „Häuser Award 2006“ der gleichnamigen Zeitschrift sein, der die besten Einfamilienhäuser des Jahrgangs auszeichnet. Ausgewählt wurden sie unter den Blicken einer fachkundigen Jury, der auch die Berliner Architekturgaleristin Kristin Feireiss angehörte. Und weil das Budget der meisten Bauherrn begrenzt ist, hat man sich auf Gebäude beschränkt, die nicht mehr als 1500 Euro pro Quadratmeter kosten.

Getreu dem Motto „Gut geplant ist halb gebaut“ haben sich die Gewinner des ersten Preises, die „Netzwerkarchitekten“ aus Darmstadt, fast ein Jahr Zeit für die Planung genommen. Am Ende entstand ein freundlich kubischer Baukörper mit viel Glas, der genau auf Bedürfnisse und Budget seiner Bewohner zugeschnitten ist. Doch auch mit Holzfassade und Satteldach oder Aluminiumpaneelen und Bruchsteinmauerwerk lässt sich das bauliche Einerlei der klassischen Jägerzaunsiedlungen auffrischen, wie die weiteren Preisträger beweisen, deren Bauten im aktuellen Heft von „Häuser“ vorgestellt werden. Die 30 besten der insgesamt 250 Einsendungen haben Gert Kähler und Bettina Hintze darüber hinaus in einem Buch dokumentiert (Callwey Verlag München, 49,95 €). Jürgen Tietz

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