Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

ROCK

Gute Seele,

schwarze Stimme

Fest geschlossene ältere Männergesellschaft im Kesselhaus . Schwere Bäuche. Schwere Becher. Schwere Begeisterung um viertel nach zehn. Endlich! Rasante Flamencoläufe des jungen Gitarristen Eric McFadden gehen über in den Reggae-Groove von Bassistin Paula O’- Rourke, Drummer Wally Ingram, Keyboarder Red Young. In der Mitte Eric Burdon , der kleine Dicke mit kurzen, grauen Haaren, getönter Brille, Hawaiihemd. Er singt: „I’m just a soul whose intentions are good, oh Lord, don’t let me be misunderstood!“ Burdon, der mit den Animals schon in den frühen Sixties neben Mick Jagger und Van Morrison zu den besten britischen R & B-Sängern zählte, ist eine ehrliche Haut, freundliche Seele. Seine Absichten waren immer gut: leidenschaftlich Blues, Soul und Rock ’n’ Roll zu singen. Aber dann hatte es auch einige Missverständnisse gegeben in der über 45-jährigen Karriere des famosen Sängers. Mit Mitmusikern, Managern, Plattenindustrie, bewusstseinsvernebelnden Substanzen. 2004 dann das grandiose Album „My Secret Life“. Weil Burdon genug hatte von der Plattenindustrie, weil er sich nicht mehr reinreden lassen wollte in seine Musik, hatte er schließlich alles selber gemacht: Songs und Musiker ausgesucht, selber finanziert. Dasselbe Prinzip hat sich wieder bewährt beim neuen Album „Soul Of A Man“. Der fast 65-jährige Burdon ist ein zäher Überlebender, dessen Seele intakt ist, Stimme auch. Und es war eine kluge Entscheidung, mit seiner dynamischen Live-Band die Hälfte des Programms mit neuen Songs zu bestücken, um nicht zum ewigen Oldie-Sänger zu verkümmern. Umso mehr strahlen dazwischen die alten Hits in neuen Arrangements: „We Gotta Get Out Of This Place“, „House Of The Rising Sun“, „Spill The Wine“.

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SHOW

Zicken, die bellen,

beißen nicht

Am Ende dürfen sie doch noch ein Duett schmettern. Margith, die sich als einzige Extravaganz ein „th“ im Namen leistet, und die Französin Tutu singen vereint „Go West“, den Brüller von den Pet Shop Boys. Seit sie sich auf einem Casting kennen lernten, trällern, knödeln, wimmern sie gegeneinander an – um zum Happyend ein eigenes, gemeinsames Showprogramm auf die Beine zu stellen. Regisseur Wolfgang B. Heine erzählt im BKA-Theater mit Zazie & sie von zwei renitenten Arbeitslosen, die sich nicht mit ihrer Misere abfinden wollen. Schubert haben die Damen genauso drauf wie Doris Day, ihre „Hit-AG“ verströmt mehr Glamour, als sich ein Hartz-IV-Sachbearbeiter erträumen kann. Doch Madame Tutu will einen Auftritt mit viel Flitter, Margith einen Liederabend mit tremolösem Stimmgewitter. Zwei Verliererinnen, die ungleicher nicht sein könnten. Und ein Showtreppenwitz, dem man bis zum letzten Duett gerne zuschaut. Zazie de Paris, ausgebildete Ballett-Tänzerin und berühmte Transsexuelle, beherrscht als Tutu das ganze Repertoire einer Diva, die ihre Erfolglosigkeit hinter Knalleffekten versteckt. Sie teilt aus mit beiläufiger Handbewegung, zur Versöhnung reicht ein Augenaufschlag. Die Schauspielerin Katharina Blaschke, vor kurzem noch in einer Vivaldi-Oper zu sehen, lässt Margith im Ringelpulli trotzig und ungelenk aussehen. Wenn Hamburg-Billstedt und Paris sich in diesem Sängerinnenwettstreit mit großer Gebärde überbieten, dann kann man darin mehr als bloß tuntiges Geulke entdecken: Schönheit und Wehmut (bis 9. April, Mi–So 20 Uhr). Daniel Völzke

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KUNST

Guck an,

so sehe ich aus

Eine Frau blickt gesenkten Kopfes auf ihre Hände, die lose Fäden zu einem Hemd zusammenführen. Sie scheint es zu tragen, kann es aber nicht tragen, da ihr Körper erst mit der Kleidung entsteht. Die ungarische Künstlerin Ilka Gedö entwirft eine Figur, die sich selbst strickt. Die Fäden sind mit Kohle gezogene Linien, und so schafft die Künstlerin sich durch das Bild auch selbst – eher als ein Bild von sich selbst zu schaffen. Das Collegium Hungaricum (Karl-Liebknecht-Str. 9, bis 10. 5., Mo-Fr 10-18 Uhr) zeigt Gedös Selbst-Figurationen in Bleistift und Kohle aus den Jahren 1946 bis 1949: in den Höhlen versinkende Augen, mit der Bluse sich öffnende Brustkörbe, mal in weicher Linie gewobene, mal zur schroffen Textur verdichtete Gesichter. Die Künstlerin hält sich den Spiegel vor, verfolgt von Artauds Ästhetik der Grausamkeit und einem Paradox Kafkas: „Wenn mich jemand beobachtet, muss ich mich auch beobachten, wenn mich niemand beobachtet, muss ich mich erst recht beobachten.“ Neben ihren Zeichnungen sind Gemälde ausgestellt, die Gedö schuf, als sie Goethes Farbenlehre ins Ungarische übersetzt hatte. Ihr Stil erstreckt sich von Jugendstil-Ornamentik bis zu einer fast suprematistischen Geometrie. So wird Gedös wichtigstes Motiv, „Rosengarten“ (1969), in späteren Werken kristallinisiert, schließlich mit Glas überkuppelt. Darunter tummeln sich oft grotesk kindlich gezeichnete, grell farbige Zwerge, fliegende Hexen und Clowns: Je größer der Schmerz, desto bunter die Maske. Kaspar Renner

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