Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Clewing

KUNST

Rückwärts

gewandt

Das Licht ist bleich, die Farbe fahl – und der Horizont „flüssig: So lautet der Titel der beiden großformatigen Fotografien, die der Ungar Gabor Ösz mit einer Camera Obscura an den Küsten Dänemarks und Norwegens aufgenommen hat. Eine unwirkliche Stimmung liegt über diesen Bildern: Ein Cibachrome-Traum in Blau, Weiß und Hellgrün wie aus einer imaginierten Frühzeit der Erde. Ösz gehört zu den sieben jungen ungarischen Künstlern, die der Neue Berliner Kunstverein in der Ausstellung Tiefebene hochkant präsentiert. Seine betont antiquierten Arbeitsmittel scheinen symptomatisch zu sein für die magyarische Kunstszene (NBK, Chausseestraße 128/129, bis 23. April).

Von Pal Gerber stammt die etwas altmodische, aber sehr amüsante Dia-Text-Projektion „Des Künstlers Weg“, die ihre Situationskomik aus den mitunter allzu wortgetreuen Illustrationen schöpft. In Marcell Esterházys Meditationsraum kann man Schmetterlingen beim Hin- und Herfliegen zuschauen. Auch die Werke der KünstlergGruppe „The Randomroutines“ sehen aus wie Scherenschnitt-Animationen, obgleich sie am Computer entstanden sind.

Dagegen wirken die Porträtfotos, die Gergely László und Péter Rákosi vom Traditionsverein „Artillerie der Region Tápió“ gemacht haben, nur rückwärts gewandt im negativen Sinn – sie sind die schwächsten Arbeiten dieser Schau. Radikal anders der Beitrag von Emese Benczúr: Die Künstlerin hat eine Plastikfolie im Raum aufgespannt und darauf den Satz geschrieben „Never close enough to things“. Auf wen auch immer die Mitteilung gemünzt ist, es sind die Worte, die der Besucher dieser Ausstellung nach Hause mitnimmt.

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KLASSIK

Aus dem Fenster

gesprungen

Ob Heinrich Schütz mit der „Dafne“ wirklich die erste deutsche Oper komponiert hat, werden wir nie erfahren. Erhalten ist nur das Libretto. Im Rahmen der Biennale Alter Musik bekamen jetzt drei junge Berliner Komponisten den Auftrag, eine Kurzoper zur alten Textvorlage zu schreiben, für vier Gesangssolisten, das Kammerensemble Neue Musik und das achtköpfige Vokalconsort Berlin .

Sicher kann die konzertante Uraufführung der Stücke in der optisch wie akustisch formidablen Schinkelschen St. Elisabeth-Kirche nur Lust auf eine szenische Aufführung machen, schon bei Benjamin Schweitzers Auslegung des Stoffs. Schweitzer bricht die Geschichte um den vom Liebeswahn unglücklich getroffenen Apollo und sein unwilliges Opfer Dafne durch eine persönlich-menschliche Perspektive. Tobias Schwenke hingegen betont die Verwandlung der flüchtenden Dafne in einen Lorbeerbaum, Adrian Pavlov interpretiert die Geschichte auf die Gesprächsunfähigkeit Apollos und Dafnes hin. Die beiden singen vor- und rückwärts aneinander vorbei, schließlich stürzen sie sich gemeinsam aus dem Fenster.

Pavlov gelingt damit der wohl beglückendste Moment dieses durchgängig erfreulichen Abends. Er komponiert eine rührende Trauermusik für Altflöte, von Schlagzeug und Kontrabass in den zartesten Farben begleitet. Keine Frage: Der Neue-Musik-Akzent des Zeitfenster-Festivals ist mehr als ein zusätzlicher Farbtupfer zur alten Musik. Ulrich Pollmann

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