Kultur : KURZ & KRITISCH

Sandra Luzina

TANZ

Bei allen Tricks

bleibt die Person

Das Ich tanzt heute bevorzugt mit sich selbst. Die These von der multiplen Persönlichkeit erfährt in der neuen Produktion von LaborGras eine konsequente Auslegung. In der multimedialen Performance-Installation „I, myself and me again“ in der Akademie der Künste (Hanseatenweg 10, bis 8. April, 18–22 Uhr) vermischen sich reale und virtuelle Räume. Der Tänzerin wird von einer Videokamera aufgenommen, das projizierte Bild wird wieder aufgenommen – ein Verfahren, das sich ad infinitum fortführen lässt. Das tanzende Selbst begegnet sich selbst, das heißt dem Abbild des Abbilds. Eine Herausforderung für die drei Tänzer Renate Graziadei, David Hernandez und Romeu Runa, die mit geschärfter Aufmerksamkeit in einen Prozess des Reagierens und Gestaltens eintreten. Das erfordert klare Setzungen, schnelle Entscheidungen. Denn alles, was geschieht, hinterlässt Spuren. Auch die Zeitebenen durchdringen sich in dieser Versuchsanordnung. Das führt in glücklichen Momenten zu einer aufgeladenen Präsenz. Der Betrachter erliegt sogleich der Faszination der elektronischen Bilder. Da sich aber Computerkünstler Frieder Weiss mit technischen Tricks zurückhält, bleibt die tanzende Persönlichkeit stets im Vordergrund. Renate Graziadei strolcht eher verspielt durch die Szene, setzt sparsame Akzente. David Hernandez lässt auf eher reflexive Passagen einen heftigen Ausbruch von Bewegung folgen. Es sind die nicht gebändigten Impulse, die hervordrängen – durch die Multiplizierung der Bilder entsteht ein unheimlicher Echoraum. Als ein lebendiges Tagebuch, das immer weiter fortgeschrieben wird, betrachten LaborGras die tänzerischen Aktionen. Da kommt es nicht allein auf dramatische Veränderungen an. Jeder Moment zählt.

KLASSIK

In höchster Not

noch elegant

Sommer 1941, Hitlers Armeen fallen in die Sowjetunion ein. „Geschwärzt von Bränden, abgehärtet in Kämpfen“, nennt Dmitri Schostakowitsch das geschundene Leningrad. Frühjahr 2006, die Junge Deutsche Philharmonie unter Andrey Boreyko gibt die Siebte von Schostakowitsch, die „Leningrader“. Doch keine Spur von Wucht oder Bitternis in der Philharmonie; ein Hochbegabtenorchester Krieg spielen zu lassen, scheint schwer. Boreyko leitet die handverlesenen Studenten durch ein gewaltiges, gewalttätiges Stück. Und dirigiert doch in der höchsten Not noch elegant, verweigert alles Exzessive. Das ist zwar löblich, gerade angesichts des jungen Orchestern eingeborenen Hangs zur Raserei. Aber so entsteht auch kein tiefer akustischer Maelstrom, wirken Effekte wie das Fortschreiten des fabelhaft leisen Trommelgezwitschers im ersten Satz in ein maschinistisch-ohrenbetäubendes Getöse kaum mehr als wohlbetreut. Und leise fragt man sich, ob in der Probenphase tatsächlich genügend Zeit für diese Passagen war, ob sie nicht auch ganz einfach: existenzieller hätten klingen dürfen. Prokofjews zweites Violinkonzert mit Janine Jansen war vorangegangen, falb, spröde, kammermusikalisch fast im Bemühen der jungen Niederländerin, sich dem Orchester einzugliedern. Christiane Tewinkel

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben