Kultur : KURZ & KRITISCH

Julia Amalia Heyer

LIEDERMACHER

Leben mit

Trompeten

Wenn der Sommer nicht mehr weit ist, singt er. Weich und gedehnt schwingen die Vokale, es rollt das „r“ ins Publikum, und das bayerische Idiom füllt jeden Winkel der Philharmonie an diesem Freitagabend. Konstantin Wecker ist gekommen – mit Pauken und Trompeten: Der Sänger hat die Münchner Symphoniker mitgebracht. Seine (nicht nur) musikalische Biografie ist Programm bei „WeckErlebnisse“, und Wecker, der als Liedermacher, Komponist, Dichter und Schauspieler seit mehr als dreißig Jahren auf der Bühne steht, hat etwas zu erzählen. Er schwelgt im eigenen Leben – was schön ist, solange er das stimmgewaltig mit dieser pointierten verbalen Präsenz tut, die ihm gegeben ist. Klar artikuliert, sind die Lieder des Benn-Verehrers Wecker immer zugleich Poesie, deren melancholisch-ironischer Unterton die volle Aufmerksamkeit seiner Zuhörer fordert.

Und der Sommer ist in der Tat nicht mehr weit, wenn er am Flügel in einen jazzigen Dialog mit Norbert Nagels Klarinette tritt und die Bläser der Symphoniker seiner Frage „Und soll das nun alles gewesen sein?“ Nachdruck verleihen.

Leider nicht, denn in der zweiten Hälfte des Abends zollt er sich als Komponist Tribut: Für die Suiten aus seinen Filmmusiken lässt er das Orchester einen pompösen Klangteppich ausrollen, von dem der Liedermacher Wecker erbarmungslos erstickt wird. Wenn er mit Sopranistin Heleen Joor sein Musicalstück „Weil du mich magst“ intoniert, verfließen die Grenzen zwischen Innerlichkeit und Kitsch. Allerdings bemerkt er selbstironisch, mit fortschreitendem Alter vermehrt „etwas Gotthilf Fischeriges“ an sich wahrzunehmen. Eine Selbsterkenntnis, die den Vollkommenheitsanspruch des Abends konterkariert: Fröhlich dirigiert er einen Publikumskanon. Wecker wird im nächsten Jahr 60 – da ist ihm diese (Alters?-)Schwäche nachzusehen. Sowieso, bei dem Leben.

* * *

POP

Tanzen hinter

Masken

Eigentlich wollten sie nie Konzerte geben. Das Elektro-Duo The Knife hält an Techno-Idealen fest und will völlig hinter der Musik verschwinden. Warum sie nun doch auf die Bühne gefunden haben, bleibt in der Maria am Ostbahnhof etwas rätselhaft. Olof Dreijer schraubt hier an einem Knopf, hämmert dort mal eben lustlos auf eine Electrodrum ein und steht ansonsten kraftwerkesk herum. Karin Dreijers trotzige Stimme klingt wie aus unendlichen Weiten kommend, mal hinter den monströsen Sounds verschwindend, mal ins Unkenntliche verzerrt. Sehr schade, haben die beiden doch mit ihrem gerade erschienenen dritten Album „Silent Shout“ (Cooperative Music) noch mal ihr Gespür für Melodien bewiesen und ihre unverwechselbare kindliche Boshaftigkeit weiter ausgefeilt. Eindrucksvoll hingegen die visuelle Übersetzung, die sie für ihre düsteren Klangwelten gefunden haben: The Knife haben sich Affengesichter geschminkt, bewegen sich hinter einem durchsichtigen Vorhang wie im Zoo hinter Gittern. Es flackern Bilder über die Gardinen und auf einer Leinwand: Bilder von kahlen Ästen, entstellten Menschen, barockem Ornament. Auch wenn sich die Stockholmer musikalisch durch die Geschichte der elektronischen Musik bewegen, von Hallentechno über Dance bis zu Breakbeat, sind sie doch atmosphärisch erstklassige Dark-Waver. Auf die Bühne haben sie Puppen gestellt, auf deren Köpfe Gesichter projiziert werden und die als Chor die Lippen bewegen. Schön gruselig, doch verpufft der Zauber schnell. The Knife tun gut daran, nach nur einer Dreiviertelstunde aufzuhören. Daniel Völzke

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben