Kultur : KURZ & KRITISCH

Lea Streisand

POP

Briefe an

Sebastian

Für die sechs Redakteure des „Goon“- Magazins ist Popkultur eine ernste Angelegenheit: Sebastian Hinz hat die Zeitschrift wider den Werbe-Journalismus der Lifestyle-Blätter gegründet. Auf der Bühne der Trompete am Lützowplatz wird nun Heft 17 gefeiert – und die Premiere der Konzertreihe „linecheck“. Bas Böttcher schlägt mit der Handkante ein Liebeslied zu Silben. Wolf Hogekamp und Pauline Füg wollen nicht Deutschland sein. Anna Kistner verliest einen Brief mit nur zwei Worten: an Sebastian. Der Chefredakteur grinst: „Das bin nicht ich.“ Die Meister des Poetry Slam geben sich die Ehre. Im neuen Heft ist ihnen ein Lyrik-Spezial gewidmet; die Töne sind leiser geworden: keine Körperflüssigkeiten, keine Effekthascherei. Die Postrock-Band Kinn perfektioniert die heiter-meditative Stimmung. Wie Kinder über ihrer Modelleisenbahn hocken Gitarrist FS Blumm und Bassist Marcel Türkowsky vor kleinen Effektgeräten und halten die Töne am Leben, während Schlagzeuger Jan Thoben die Trommeln streichelt. „Goon“ finanziert sich hauptsächlich über Konzerte. „Wir sind nicht in erster Linie Dienstleister, sondern fanatisch Besessene,“ heißt es im Impressum. Schön, wenn Fanatismus zum Erlebnis wird.

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FILM

Witze für

den Pfarrer

Auch wenn Mord im Pfarrhaus nicht auf Agatha Christies gleichnamigem Roman beruht, fühlt sich Niall Johnsons Film dieser Erzähltradition verpflichtet. Ähnlich wie in den Miss-Marple-Krimis der Sechziger gibt eine alte Dame das Erzähltempo vor. Nur dass das Großmütterchen nicht als Ermittlerin, sondern als Mörderin für Ordnung sorgt. Grace (Maggie Smith) heuert in einem Pastorenhaushalt an – und wer sich ihrer Vorstellung von einer idealen Familie in den Weg stellt, wird final entsorgt. Ihr Ehemann und dessen Geliebte waren vor 43 Jahren zersägt aufgefunden worden, deshalb lebte Grace bis vor kurzem in der Psychiatrie.

Von dieser Vergangenheit ahnen Vikar Goodfellow (Rowan Atkinson) und seine Frau Gloria (Kristin Scott Thomas) nichts. Der schusselige Gottesmann versinkt in der Arbeit, während die Gattin ihre erotischen Bedürfnisse bei einem braungegrillten Golflehrer (Patrick Swayze) auszuleben sucht. Mit der Beseitigung des kläffenden Nachbarhunds beginnt Grace die Sanierung des Familienambientes. Der nymphomanen Tochter bringt sie das Kuchenbacken bei, dem schüchternen Sohn schulisches Durchsetzungsvermögen und dem humorlosen Pfaffen das Witzeerzählen.

Routiniert und nonchalant spielt Maggie Smith den schrulligen Todesengel, während Atkinson etwas angestrengt gegen sein Image als Leinwandkasper ankämpft. Kristin Scott Thomas unterminiert locker ihre Ikonografie als kühle Diva; dass ausgerechnet Mr. Bean einen humorlosen Kleriker spielt, ist ein netter Regieeinfall, mehr aber nicht. Für eine schwarze Komödie fehlen „Mord im Pfarrhaus“ – angesiedelt zwischen „Lang lebe Ned Devine“ und „Serial Mom“ und abgeschmeckt mit einer Prise „Arsen und Spitzenhäubchen“ – die skurrilen Charaktere sowie makabre Fantasie. (In 18 Berliner Kinos, OV im Cinestar Sony-Center) Martin Schwickert

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KLASSIK

Tränen für

den Heiland

Wenn Ton Koopman dirigiert, denkt man unwillkürlich an einen Specht. Der agile niederländische Meister der historischen Aufführungspraxis pickt Töne aus dem Luftraum der Philharmonie, tänzelt behände zwischen den Sphären. Keine Atempause: Vom Choral zum Ländler ist es nur ein winziger Schritt.

Bachs Kreuzstabkantate und Mendelssohn-Bartholdys Reformations-Sinfonie konturiert Koopman mit klaren Akzenten, changiert zwischen Radierung und Aquarell und scheut nicht zurück vor aufflackerndem, romantischem Zauber. Das Deutsche Symphonie Orchester : einmal mehr ein mobiler, pulsierender Klangkörper. So versöhnt das Konzert zum Auftakt der Karwoche das Sakrale mit dem Weltlichen, Karfreitagskummer mit Karfreitagszauber. Mendelssohns Lamento-Andante, des Heilands Tränen bei Bach: Der Schmerz verschleiert nicht den Blick, sondern schärft alle Sinne. Hellwach auch die Knaben des Berliner Domchors, lediglich Bass-Bariton Klaus Mertens verweigert sich bei den Kreuzstab-Arien Koopmans gelassener Intensität. Während die Oboe wundersam geschmeidige Girlanden windet, bleibt sein Gesang ungelenk. Dabei hatte es so schön angefangen: mit Bachs D-Dur-Orchestersuite als Prozession auf Zehenspitzen. Christiane Peitz

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INSTALLATION

Kühe für

die Kunst

Ein Kuhstall, ein Schuppen, ein Rinnsal. Wenige Meter von der Friedrichstraße entfernt hat Kuratorin Christiane Grüß eine beinahe ländliche Idylle gefunden. Auf dem Campus Nord der HumboldtUniversität lädt sie seit einem halben Jahr unter dem Projektnamen „7hours“ internationale Künstler in einen ausgedienten Kuhstall der Tiermedizin. Als fünfter Gast verdunkelt nun der britische Künstler Rick Buckley mit seiner Installation „Cow Shed“ den Stall ins Totenfinstere (Charité, Haus 19, bis 22. April, Di–So, 14–18 Uhr). Der Besucher tastet sich vor, an kalten Eisensäulen vorbei. Immer wieder blitzt es aus den Ecken auf: gleißende Helligkeit, die ein Nachbild des Raums auf der Netzhaut hinterlässt. Die Erinnerung an die Geschichte des Hauses hängt wie ein Geruch in der Luft. Der Besucher: ein verstörtes Tier. Neben dem Stall verwandelt der 1962 geborene Buckley, der zumeist mit Video arbeitet, einen schwarzen Holzverschlag in die Installation „Blakian Shack“: Licht strahlt aus der Hütte, dicker Dampf quirlt aus den Fenstern. Ein Rätselraum wie in William Blakes visionären Dichtungen. Etwas braut sich zusammen: Der Segen der Wissenschaft wird zum Fluch. Daniel Völzke

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