Kultur : KURZ & KRITISCH

Martin Wilkening

KLASSIK

Er hängt am Holz

und röchelt

Die Musik von Frank Martin besitzt auch in Berlin ihre stillen Verehrer, dauernde Präsenz jedoch leider nicht. „Polyptyque“, sein Konzert für Violine und zwei Streichorchester über sechs Bilder aus der Passion Christi, ist religiöse Musik wie ein Großteil seines Werks. Ohne den Bezug zu religiöser Andacht lässt sich das Stück gewiss kaum verstehen – von der ganzen Anlage des Soloparts bis hin zu der unendlich farbigen, bis ins süßeste Rot erblühenden Harmonik. Interessant ist die räumliche Struktur mit zwei Orchestern, zu deren Symmetrie Martin das Bild des zweiten Satzes, das Abendmahl, inspiriert haben mag. Isabelle Faust spielte das Konzert im Kammermusiksaal farbenreich und hochkonzentriert, nie vordergründig virtuos, sondern von Innen her glühend andächtig.

Eine Aufführung von Joseph Haydns „Sieben letzten Worten“ rechtfertigt sich nicht allein durch ihren Seltenheitswert, und so hatten sich Christoph Poppen und das Kammerorchester des RSB etwas einfallen lassen: Zum einen erklang die seltener gehörte originale Orchesterfassung, zum anderen sprach Hanna Schygulla zwischen den Sätzen nicht etwa die obligaten Bibelworte, sondern morbide frühe Sterbegedichte von Thomas Bernhard – bis hin zum finalen Röcheln insgesamt ein recht prätentiöses Unterfangen.

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KLASSIK

Das Land dankt ab

im Gleichmaß

Mit dem liturgischen Text der Totenmesse hatte nicht nur Johannes Brahms so seine Schwierigkeiten. Also suchte er sich tröstende Bibelstellen aus, was ihm allerdings Probleme mit konservativen Theologen einbrachte, als er sein Werk nämlich „Ein deutsches Requiem“ nannte. Viele Jahrhunderte vor Brahms hatte bereits Heinrich Schütz seine „Musicalischen Exequien“ auf Deutsch geschrieben, Anlass genug, die beiden Werke zum Abschluss des „Zeitfenster“- Festivals im Konzerthaus nun zu kombinieren. Dirigent Daniel Reuss freilich nimmt die Exequien von der betulichen Seite. Matt schleppen sich die Bibelstellen über die Runden, auch die Chorsolisten zeigen sich von durchaus unterschiedlicher Qualität. Es bleibt zu hoffen, dass das Leben des Auftraggebers, des Grafen Heinrich Posthumus (!) Reuß, aufregender verlief als diese Aufführung. Das „Deutsche Requiem“ kommt vitaler daher, auch weil Rias-Kammerchor und die Capella Amsterdam einen hervorragend einstudierten Klangkörper bilden, der sowohl die schwebenden Pianoklänge als auch die raumfüllenden Ausbrüche mit staunenswerter Akkuratesse ausführt. Dazu bietet die Akademie für Alte Musik einen zurückhaltenden und scharf konturierten Untergrund. Brillanz und Virtuosität sind so fraglos vorhanden, dass die Musiker unter Konzertmeister Bernhard Forck auf jedes Auftrumpfen verzichten können. Sandrine Piau und vor allem David Wilson-Johnson zeigen großen Gesang in Verbindung mit persönlichem Ausdruck. Allerdings fehlt Daniel Reuss das Verständnis für die romantische Rhetorik, und so dirigiert er Brahms, als wäre es Mendelssohn. Die harmonischen Wendepunkte gehen unter, das einst verblüffend Neue dieser Partitur verschwindet im rhythmischen Gleichmaß. Ein Triumph beim Publikum, der eher auf das Konto des Komponisten geht als auf das seines Interpreten. Uwe Friedrich

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ARCHITEKTUR

Ein Gebirge türmt sich

am Hafen auf

Was könnte ein besseres Bekenntnis zu einem Gebäude darstellen, als wenn seine Architekten dort gleich selbst einziehen? Künftig also werden Kister, Scheithauer und Gross ihre Projekte mit unverbaubarem Rheinblick im so genannten „Siebengebirge“ im Kölner Rheinauhafen planen. Die Umnutzung des riesigen Speichergebäudes mit seinen sieben Giebeln sowie eines angrenzenden Silos für Wohn- und Gewerbenutzung wird in der Galerie Aedes West vorgestellt (Savignyplatz Else-Ury-Bogen 600, bis 30. April, Di–Fr 11–18. 30, Sa/So 13–17 Uhr), ein Projekt das perfekt zur aktuellen Architekturdiskussion passt. Es gibt sowohl ein Beispiel für das immer wichtiger werdende Bauen im denkmalgeschützten Bestand als auch für die Rückgewinnung der Wasserfronten der Städte. Dabei gelten gerade Speicher als schwierige Umnutzungskandidaten: niedrige Decken und wenige Fassadenöffnungen erfordern Entwurfsfantasie der Architekten und Zugeständnisse der Denkmalpfleger. Um das Licht in den Lofts möglichst effektiv auszunutzen, haben die Kölner Architekten wasserseitig die Fensteröffnungen vergrößert. Weißer Lack an den Decken spiegelt das Licht zudem tief in die Wohnungen hinein. Und damit die Anmutung der Dachlandschaft gewahrt bleibt, liegen über den neuen Dachfenstern Metallroste, die die Dachziegelstruktur in ein abstraktes Muster überführen und die zugleich als Sonnenschutz dienen. Derart wiederbelebt, ist das 1908/09 errichtete „Siebengebirge“ für das nächste Jahrhundert nachhaltig gestärkt. Jürgen Tietz

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