Kultur : KURZ & KRITISCH

Christine Lemke-Matwey

KLASSIK

Töne,

mahagonibraun

Wäre die Staatskapelle Berlin ein Möbelstück, dann ein Wohnzimmerbuffet, mahagonibraun oder schellackgebeizt, mit funkelnden Intarsien; wäre sie ein Tier, dann eines mit tausend Augen; und wäre sie eine Maschine, dann eine, die bisweilen in Vergessenheit gerät – weil andere längst windschnittiger, leichtfüßiger, kompatibler sind. Ihr Festkonzert in der Philharmonie im Rahmen der diesjährigen Lindenopern- Festtage jedenfalls geriet zur doppelten Zeitreise: Programmatisch, da es mit Schönberg, Mendelssohn und Mahler die Sturzgeburt der Moderne aus dem Geist der Romantik beschwor; und immer wieder und vor allem: auratisch, klanglich, nostalgisch.

Ob Schönbergs „Verklärte Nacht“ nun eher mürbe im Stillen leuchtete, das Solo- Fagott im Andante von Mendelssohns e-Moll-Violinkonzert an Ton und Ausdruck klar über die Solo-Geige kam (blass, angestrengt, manieriert: Nikolaj Znaider), oder ob der Kontrabass eingangs des dritten Satzes von Mahlers „titanischer“ Erster wie eine geplagte Seele am Rande des Fegefeuers näselte und heulte: So und nicht anders müssen unsere Orchester vor 100 Jahren geklungen haben. Von keinerlei synthetischem Gedöns affiziert, unentfremdet, unplugged – wie Menschen, die miteinander singen.

Dies alles (und mehr) holt Daniel Barenboim mit effektsicherem Gespür aus seinen Musikern heraus. Wie immer ist das Harmonische seine Sache, das Schwelgen, Gründeln, Sich-Verlieren im Meer der Farben. Daraus resultieren viele tolle Stellen: im feuerzaubrisch züngelnden Schluss von Schönbergs op. 4, in der finalen Überhitzung des Kopfsatzes bei Mahler. In dem Augenblick jedoch, in dem mit einer gewissen gedanklichen Strenge auch die Dramaturgie verloren geht, der Blick fürs Ganze, verliert sich bei diesen Stücken jede Schärfe und Struktur, alles Welt-Schmerzliche, tödlich Ahnungsvolle. Derart ihrer Hellsichtigkeit, ja „Botschaft“ beraubt, zeugen sie von einer märchenfernen versunkenen Zeit, mit der man nicht unbedingt etwas zu tun haben möchte.

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MUSICAL

Funke,

fälschungssicher

An der Neuköllner Oper lässt man sich seit neuestem in die Karten sehen. Create your Life! – Ihr unglaubliches Leben auf unserer Bühne heißt das jüngste Musical- projekt des für seine ungewöhnlichen Ideen gerühmten Hauses. Vier Berliner Lebensläufe werden abgefragt, durch ein „Musikalisches Persönlichkeitslabor“ geschleust und hernach als Einakter auf die Bühne gebracht. Vor einer Woche ging es los, mit einer Fragestunde zum Leben des Ex-Erpressers und Sich-immer-neu- Erfinders Arno Funke, der als „Dagobert“ Anfang der Neunziger die Polizei jahrelang an der Nase herumführte.

Tatsächlich, da sitzt er. Mit Bürstenhaarschnitt, in Jackett und Jeans. Ein herzlich-verschmitzter Mann, der sich von Regisseur Stephan Bruckmeier über Kindheit und Jugend, die Jahre als Verbrecher, das Gefängnis oder seine Zukunft befragen lässt und sich auch nicht daran stört, dass rechts hinter ihm am Elektroklavier der Komponist Paul Graham Brown sitzt und mitunter leise die Tasten schlägt; oder dass die Librettistin Maja Das Gupta emsig DIN-A-4-Zettel beschreibt und an die Bühnenrückwand hängt. „Ziel: Geld“ steht darauf, oder „Da ist man einfach“. Allmählich wird sichtbar, wie Das Gupta die verschiedenen dramaturgischen Fäden spinnt: die Depression und die eigentlichen Lebensziele. Die allgegenwärtigen Nachwirkungen der Zeit im Gefängnis. Funkes Freude über seinen Sohn, die Wiederkehr in ein sicheres soziales Netz.

Dieser Blick in die Musicalwerkstatt bleibt lange spannender als das eigentliche Gespräch. Doch wachsen Inhalt und Form in Neukölln einander tatsächlich entgegen; mit der Zeit gewinnt das zunächst gestemmt wirkende Interview. Bruckmaier will mitunter recht intime Dinge wissen, Funke gibt bereitwillig Auskunft. Auf berlintypische Weise benützt er gern das Plusquamperfekt. „Es war natürlich ein Verbrechen gewesen,“ sagt er am Ende, „aber interessant war es doch.“ (Premiere des Funke-Musicals, UA aller vier Musicals am 4. Mai) Christiane Tewinkel

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DESIGN

Flaschen,

weltbekannt

Der Champion ist eine Flasche. Fünf Milliarden Exemplare der „Normbrunnenflasche“ sind seit 1971 vom Band gelaufen. Jedes Kind kennt die vielseitige Sprudelflasche mit griffiger Taille und Perlenbesatz, ihr Schöpfer ist wohl nur Designexperten geläufig: Günter Kupetz (1925 bei Berlin geboren) wird im Berliner Bauhaus-Archiv geehrt (Klingelhöferstraße 14, bis 5. Juni, Begleitbuch 29,90 €).

Trotz ihrer eher stillen Berühmtheit kann die „Perlenflasche“ in der Kupetz-Ausstellung nicht übersehen werden, weil die glamourös von hinten beleuchtete Ausstellungswand aus Flaschenkästen beachtliche Schaustücke rahmt: etwa eine in Bronze gegossene Jubiläumsbuddel. Neben anderen Kupetz-Klassikern, Wählscheibentelefonen mit knochigen Hörern und Urversionen der Pril-Flasche, finden sich viele Metallobjekte für WMF, wo der Ex-Bildhauer bis 1960 fest angestellt war. Als Professor der Berliner Hochschule für bildende Künste förderte er ab 1974 ein neues Berufsbild des Industrial Designers, der „mit Fertigungs- und Absatzfragen ebenso vertraut ist wie sein Auftraggeber“ (O-Ton Kupetz). Dass industrielle Massenproduktion und Formschönheit sich keineswegs ausschließen, belegt ein Whiskyglas-Set mit Eiseimer (WMF, 1957 zusammen mit der ersten Ehefrau Sigrid entworfen). Rhythmische Rillen verleihen dem billigen Pressglas eine kribbelig-jazzige Note. Sogar Louis Armstrong war begeistert. Ob „Satchmo“ auf Deutschlandtournee auch Mineralwasser aus der „Perlenflasche“ trank, ist nicht überliefert. Jens Hinrichsen

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