Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP I

Teenager im

roten Bereich

„Hello Munich, how ya doin’?“, fragt der Schlacks mit Afromatte und Dreitagemilchbart, als sich Be Your Own Pet auf der Bühne des Magnet Clubs sortieren. Ein Scherzkeks? Oder verlieren US-Teenager die Orientierung, wenn sie durchs alte Europa touren? Ein wenig muss man ja schmunzeln bei der Vorstellung, dass vier 17-Jährige aus Nashville die Punkrock-Sensation der Stunde sein sollen. Während sie an ihren Instrumenten herumnesteln, wirken das halbwüchsige Jungstrio und die görenhafte Sängerin unbedarft wie eine Schülerband – die sie bis vor kurzem tatsächlich waren. Doch nach einem archaisch rumpelnden Schlagzeugintro bricht das Inferno los. Jemina Abegg kreischt wie eine Furie durch die zweiminütigen Songexplosionen. Ihre Wildheit kann es mit Yeah-Yeah-Yeahs-Sängerin Karen O aufnehmen. Zwischen Augenverdrehen, Blondschopfschütteln und Ärmchen-in-die-Luft-Werfen fehlt es ihr nur noch an Rockschlampen-Verruchtheit. Jamin Orral, Typ bebrillter Schülersprecher, verprügelt sein Drumset, Afroträger Nathan Vasquez springt mit seinem Bass wie ein Flummi herum, und Gitarrist Jonas Stein, ein schüchterner Lockenkopf, kämpft sich durch verwirrende Tempiwechsel. Die Stücke unterscheiden sich kaum voneinander, dafür könnte die freigesetzte Energie eine Kleinstadt mit Strom versorgen. Natürlich haben Be Your Own Pet noch keinen langen Atem: Eine halbe Stunde im roten Bereich muss reichen. Beste minderjährige Band der Welt? Gut möglich.

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POP 2

Alte Schwedenhasen

in der Wildnis

Schweres Geläut, als stünde man unter den Glocken einer Kathedrale. Dabei steht man eingekeilt im Postbahnhof . Einhuschen der Cardigans . Rauschender Empfang. Grummeln, Keyboards, Bass, Gitarre. Licht drauf, da kommt die Sängerin: Nina Persson ist ein zierliches Persönchen. Und sie hat sich noch dünner geschnürt, in eine schwarze Korsage, enge Hose, schwarze Stiefel. „I’m gonna take you to the wilderness“, singt sie zu metallisch schabenden Klängen. Peter Sveningson traktiert mit verlorenem Blick und offenem Mund diverse Gitarren. Dahinter Unterhemdtrommler und ein Mützenkeyboarder, der Streicher aus der Kiste tastet. Abbaesken. „Spiel-mir-das Lied-vom-Tod“-Harmonika und liebliche Gesangsharmonik. Sultans-of-Swing-Gitarre im Wechsel mit Schwermetallriffereien. Bassist Magnus lässt den Glatzkopf rollen wie eine Kegelkugel und drückt zwischendrin einen fiesen Schallschub in die Eingeweide. Die Schwedenband präsentiert die ganze stilistische Vielfalt ihrer sechs Alben aus zwölf Jahren. Querbeat. Wobei sie heute eher lustlos wirken.Spaß haben offenbar nur die Fans, die begeistert den Gesang übernehmen, als von Ninas Stimme nicht mehr viel übrig ist: „I’m losing my favorite game“. H.P. Daniels

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