Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

AUSSTELLUNG

Falten in

grünem Glanz

Hinter drei nackten Jünglingen beginnt im Haus Huth die Moderne. Im Hintergrund von Adolf Hölzels Ölbild „Drei Akte“ (1908/1909) öffnet sich ein abstrakter Raum. Das Werk gehört zu den ersten Erwerbungen der „Sammlung DaimlerChrysler“ seit 1977, die sich zunächst auf Lehrer und Schüler der Stuttgarter Akademie konzentrierte. Hochrangiges von Hölzel und seinen Schülern Oskar Schlemmer, Johannes Itten, Willi Baumeister zeigt die Schau, sie verfolgt aber auch die Spur der Moderne in den Bildern deutscher Nachkriegskunst bis heute ( Classical Modern I , bis 17.9., Alte Potsdamer Straße 5, Mo-So 11-18 Uhr). Dreißig Künstler – ein Dialog über die Zeiten hinweg: Die Verspieltheit Jean Arps spiegelt sich in einem blinkenden Materialbild von Anselm Reyle (geb. 1970), der grüne Glanzfolie in Falten gelegt hat. Tanz, transparenter Raum und Farbe in einem Wandbildentwurf von Oskar Schlemmer werden mit den melancholischen Räumen von Ben Willikens (geb. 1939) konfrontiert. Trotz zeitlicher Distanz zu den Klassikern der Moderne pflegen die heutigen Künstler das Erbe: Auf seiner vielfarbigen Videoarbeit spielt Gerwald Rockenschaub (geb. 1952) mit konstruktivistischen Formen – und lässt die Rechtecke und Kreise im Pingpongprinzip voneinander abprallen: Kandinsky trifft Videospiel.

* * *

KLASSIK

Judas auf

der Schädelstätte

Lange hat Frank Martin gezögert, bevor er 1945 sein Oratorium Golgatha in Angriff nahm. Ihm saß schlicht Bach mit seinen Ehrfurcht gebietenden Passionen im Nacken. Zudem verfügte Martin nicht über eine so eindrucksvolle Musiksprache wie Olivier Messiaen. So hinterlässt das gut einstündige Werk im Konzerthaus einen zwiespältigen Eindruck. Da gibt es Höhepunkte wie das irrlichternd-süßliche Duett, in dem Jesus seinen Vater um Schonung bittet. Martin spiegelt hier Alt und Tenor kunstvoll in den Holzbläsern. Und dass Golgatha übersetzt Schädelstätte heißt, spürt man, wenn Judas zu knarzenden Klaviersplittern die Maske vom Gesicht gerissen wird. Das BSO und der Ernst Senff Chor stolpern über absteigende Akkordkaskaden geradewegs in einen Sog der Verzweiflung. Auch die folgende Meditation über einen Text von Augustinus gerät mit ihrem betörenden Englisch-Horn-Solo eindringlich. Bewundernswert die Konzentration, mit der Michael Boder die Musiker und das makellose Solistensextett auch durch manche Länge dirigiert. Wenn das Werk auch nicht zu den Meilensteinen der geistlichen Musik gehört, hätte diese glanzvolle Karfreitagsaufführung doch mehr Zuhörer verdient. Ulrich Pollmann

* * *

POESIE

Stoiker auf

verlorenem Posten

1989 schrieb er in einem Gedicht: „Bald endet das Jahrhundert, doch vorher ende ich.“ Joseph Brodsky , 1940 in Leningrad geboren und 1996 in New York gestorben, war der letzte russische Klassiker des 20. Jahrhunderts und der letzte Literaturnobelpreisträger seines Landes. Brodsky hatte keine Angst vor Pathetik. Er genierte sich nicht zu behaupten, dass die Poesie die höchste Stellung unter den menschlichen Werten haben solle – angesichts des Gemetzels, das die Geschichte seines Jahrhunderts zum großen Teil war. Und er rief unerschrocken zum Lesen von Gedichten auf als zum Mittel, die Menschheit zu verbessern. Das war nicht naiv. Es war die Position eines Stoikers auf verlorenem Posten. Zum zehnten Todestag des Dichters ist mit dem Band Brief in die Oase nun eine treffende Auswahl von hundert Gedichten erschienen (Hg. von Ralph Dutli. Übersetzungen von Felix Philipp Ingold, Raoul Schrott, Birgit Veit u.a. Hanser Verlag, München, 304 S. 23,50 €). Ein Buch, mit dem man sich auf eine sprachliche Berg- und Talfahrt begibt und das aufmerksame Lektüre verdient. Olga Martynova

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben