Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

POP

Friede, Freude,

Lagerfeuer

Gruppen älterer stiernackiger Männer stehen herum, deren Körperfülle für erhebliche Raumverdrängung sorgt. Eng und voll ist es im Quasimodo . Dann sind da auch ein paar Jungs in Parkas, Mädchen mit Baskenmütze, Friedensrune, „Peace“-Aufnäher. Und dazwischen die hübsche Heike Makatsch. Wie Hippie- Darsteller aus einem Film über die späten Sechziger. Einer Zeit, in der Melanie Millionen Schallplatten verkauft hat. Melanie Safka ist ein Phänomen. Heute wie damals. Eine mutige Frau. Als 22-jährige hatte sie sich 1969 allein mit ihrer Gitarre im Regen auf die legendäre Loveandpeacebühne von Woodstock gewagt, um mit eindringlich kräftiger, und ziemlich schräger Stimme rührende Folk- Songs in ein Meer von begeistert geschwenkten Kerzen zu blöken. Mut hat auch die 59-Jährige noch. Diese kleine mollige Frau mit dem einnehmenden Lachen, funkelnd schwarzen Augen, und dem immer noch jugendlichen Hippie- Schwung. „Hi, I’m back in Berlin“, sagt sie freudestrahlend. Und dass Berlin eine coole Stadt sei. Vielleicht ist es ihr Mut, der die Fans derart enthusiasmiert. Der Mut, sich einfach hinzustellen, und auf einer verstimmten Gitarre fröhlich loszuschrammeln. Auch mal aus dem Tritt zu kommen dabei, aus dem Takt, und neben den Akkord zu hauen. Oder neben die Töne der Gesangsmelodie. Mit ihrer speziellen sirenenhaften Melanie-Schrille. Das hat einen rührend amateurhaften Charme, der einnimmt für etwas, das jemand anderes nicht wagen dürfte. Melanie traut sich, lacht, erzählt lustige Geschichten. Und ihr Sohn Beau Jarred nudelt nicht minder schrammelig ausgesucht unpassende Flamenco-Parts zwischen neue Songs und die alten Hits. „Yesterday don’t matter if it’s gone!“ Es ist wie im Pfadfinderheim, beim Kirchentag, am Lagerfeuer. Und dicke alte Männer wippen fröhlich und singen inbrünstig. „Peace will come!“

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KLASSIK

im Zwischenreich

der Vierteltöne

Viel Zeit zum Eiersuchen dürfte den Musikern des Deutschen Symphonie-Orchesters in diesem Jahr nicht verblieben sein. Denn im Rahmen des Osterprogramms „Erneuerung“, einer Veranstaltungsreihe mit Lesungen, einer Podiumsdiskussion und Konzerten, hatte das Orchester gleich drei Auftritte zu bewältigen. Bei dem von Hans Zender, dem gegenwärtigen Gastkomponisten des DSO geleiteten Konzert am Karsamstag wurde es zudem eng: Als die Streicher sich auf der schmalen Bühne des Kammermusiksaals der Philharmonie gleich Käfighühnern nebeneinander drängten. Schon der Begin von Haydns 49. Sinfonie machte aber deutlich: Hier fühlt sich ein Orchester mit seinem Dirigenten ausgesprochen wohl. Haydns melancholisch- wogende Streicherflächen wurden genüsslich ausgekostet, das seufzergesättigte Menuett geriet zum süßlich-herben Kabinettstück. Darf Leiden so schön sein?

Auf ganz andere Weise befasst sich Hans Zender in seinem Stück „Brado“, 2000 komponiert, mit letzten Dingen. Brado steht im Buddhismus für Zwischenzustand, auch für die Übergänge vom Leben zum Tod. Nun ist Zender seit langem mit mikrotonalem Komponieren befasst, er sucht Klänge zwischen den herkömmlichen Halbtönen, Zwischenzustände mithin. So lässt er den Solocellisten mehrstimmige Klänge in feinsten Tonhöhenabstufungen spielen. Dafür nutzt der für den erkrankten Heinrich Schiff eingesprungene Gustav Rivinius einen speziellen Rundbogen, der sich um die Cellosaiten windet, wie eine Schlange um einen Ast. Bis zu vier Töne kann er so gleichzeitig erzeugen. Verschiedene Instrumentengruppen, auf der Bühne oder im Saal verteilt, entwickeln diese Klänge nun auf vielfältigste Weise. Zwei im Vierteltonabstand verstimmte Flügel lassen sie wie unter Wasser getaucht erscheinen, die Holzbläser reichen sie, als pralle Tontrauben umgeformt, von den oberen Rängen. Schade, dass es nicht üblich ist, so ein Stück in einem Konzert zwei Mal zu Gehör zu bringen.

Haydns „Schöpfungs“-Oratorium kann sich über zu wenige Aufführungen nicht beklagen, es ist ein Dauerbrenner. Für die Aufführung am Ostersonntag hatte das DSO den auch als Barockgeiger äußerst erfolgreichen Andrew Manze verpflichtet. Erneut fiel sofort auf, wie selbstverständlich und organisch die Streicher mittlerweile vibratolos spielen. Manze gestaltet den düster- leeren Begin gespenstisch blass, wirft dann kurze Einsätze in den Rezitativen so gestochen scharf in das Orchester, dass man die natürliche Trägheit eines solchen Klangapparats vergisst. Und auch das Solistentrio ist glücklich gewählt, Marlis Petersen bekommt für ihre betörend aufblühende Schilderung des Naturerwachens gar unerwarteten Zwischenapplaus. Ulrich Pollmann

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