Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

ROCK

Bühne für den

Racheengel

Einige kennen Anne Rolfs vielleicht noch als Frontfrau der deutschen Indie-RockHoffnung „Wuhling“. Nun nennt sie sich Allroh und präsentiert sich im Bastard nach längerer Auszeit als Solokünstlerin mit einer seltsam aufgekratzten Musik, die manchmal klingt wie getretene Katzen. Also das ideale Vorprogramm für das japanische Rockbiest Boris , das den Namen von einem Song der „Melvins“ geklaut hat und den Urvätern des Grunge auch stilistisch nahe steht. Dabei hat sich das Trio in fünfzehn Jahren eine erstaunliche Bandbreite zugelegt, die vom zappeligen Prog-Rock-Haiku bis zum zähfließenden Endlos-Dröhn-Stück reicht, das schon mal den kritischen Grenzbereich von sechzig Minuten überschreitet. Eile ist ihre Sache nicht, und so lassen sie sich auch Zeit, bis sie auf die Bretter steigen, um ein Set hinzulegen, bei dem sie von Siebziger-Jahre-Heavy-Metal-Tradition, Ramones-Punkrock bis zur aktuellen Doom-Rock-Kriechrhetorik so ziemlich alles verhackstücken, was gerade rumliegt. Imposant sind die rasanten Läufe des Sängers und Bassisten Takeshi, der mit wieselflinken Fingern den Doppelhals seines Gitarre-Bass-Hybriden bearbeitet, während der Trommler zwischen Schlagzeugkiste und einem gewaltigen Gong überschnappt.

Im Mittelpunkt steht aber die bezaubernde Gitarristin Wata, die mit regungslos in sich hineinschauender Haltung an Kaji Meiko aus der japanischen „Kill- Bill“-Vorlage „Lady Snowblood“ erinnert und mit ungerührter Miene flirrende Lava-Strom-Gitarren-Soli vom Griffbrett reißt. Ein Racheengel mit extrascharfer Klinge. Und doch waren Boris schon weiter: Die Unmittelbarkeit von früher ist stellenweise einer Verwirrung, vielleicht auch Berechnung gewichen, wie die Musik zu klingen hat, die ihr Publikum hören will. Da läuft das ungestüme Rockbiest Gefahr, austauschbare Soundtracks für progressive Szenekneipen abzuliefern. Doch noch ist nichts verloren: Am Samstag spielt die „Melvins Big Band“ gleich nebenan im Kesselhaus.

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ARCHITEKTUR

Türme, die an Mies

erinnern

Sonderlich exotisch wirken die Bauten der beiden Architekturbüros WOHA und Mok Wei Wei + W Architects aus Singapur auf den ersten Blick keineswegs, die in der Ausstellung Exotic More or Less bei Aedes East vorgestellt werden (Rosenthaler Straße 40/41, bis 4. Mai, Kataloge je 10 €). Doch die Rahmenbedingungen für das Bauen in dem südostasiatischen Stadtstaat sind kaum mit denen hier zu Lande zu vergleichen. Bedingt durch die extreme Dichte sind dort vor allem Wohnhochhäuser gefragt. So wie das filigrane „No. 1 Moulmein Rise“ von WOHA, dessen kleinteilig strukturierte Fassade einen Kontrast zur Vertikalität der dünnen Hochhausscheibe bildet. Mit ihren üppig durchgrünten Hochhausentwürfen versuchen WOHA zugleich, die Landschaft von der Erde in den Himmel zu befördern. Auf schlanken Brücken schweben Gärten in schwindelnder Höhe, und vom Balkon-Pool aus wandert der Blick über die Skyline von Singapur.

Weniger spektakulär, aber noch eindringlicher wirken die Projekte von Mok Wei Wei, in denen die Reduktion traditioneller chinesischer Architektur mit einer an Mies van der Rohe erinnernden klassischen Eleganz einhergeht. Das Ergebnis sind Wohnhäuser von zeitloser Schönheit. Schmale Geschossbänder, viel Glas und ein Sicht- und Sonnenschutz aus Holz fügen sich zu einem harmonischen Gesamtbild. Das alles versteht Mok Wei Wei mit einem für deutsche Verhältnisse tatsächlich exotisch anmutenden Feingefühl für die Komposition von Raumeindrücken zu verbinden. Jürgen Tietz

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KUNST

Teekannen, die wie

Raketen starten

Teetrinken ist ein Zeremoniell, das seit Jahrhunderten Morgen- und Abendland verbindet. Das Berliner Keramik-Museum zeigt nun eine Ausstellung über die Entwicklung des Teeservice s und seine Veränderung in diversen Epochen und Designstilen (Schustehrusstr. 13, bis 2. Oktober; Sa., So., Mo. 13–17 Uhr). Man beginnt in der Ferne, zeitlich und räumlich, im Orient. Strenge Lineaturen und geometrische Formen bleiben über Jahrhunderte hinweg nahezu unverändert, von Schale zu Schale spannt sich das Kontinuum der asiatischen Tradition, vom 12. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Gegenübergestellt sind deutsche Beispiele der dreißiger Jahre. Dazu gehört eine ganze Bauhaus-Sektion mit einem Teeservice, kantig und doch bauchig, das aus dem Büro von Walter Gropius stammt. Bei einem anderen Ensemble von 1910 schmücken Blumengirlanden im Jugendstil Tassen und Kanne. Die Farben Gelb, Blau und Weiß erinnern an einen herbstlichen Garten. Und ist nicht der Tee selbst, mit seiner goldenen Opazität, das Produkt fallender, vertrockneter Blätter? Von der stilisierten Natur bis zum modernistischen Funktionalismus des Art-Déco reicht die Spanne: So bilden Teekanne und Teewärmer zwei Zylinder, in die Quadrate eingelegt sind, und wirken wie eine schwarz-orange, futuristische Rakete. Nüchterner, aber nicht weniger elegant und stilvoll sind die Objekte der deutschen Keramikerin Hedwig Bollhagen: Teedose, Tasse und Kanne frisch wie in einem frühlingshaften Kleid. Marco Benedettelli

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