Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

ROCK

Vegetarier,

vereinigt euch

Nicht selten werden Vorbands als Stimmungsbremse empfunden und vom Publikum bestenfalls wohlwollend toleriert. Im ausverkauften Postbahnhof bekommt man beinahe Angst um den Hauptact, nachdem das New Yorker Trio The Exit ein furioses Set mit irrwitzigen, zwischen Jimi Hendrix, The Police und Iron Maiden mäandernden Songs hingelegt hat. Die Skepsis zerstreut sich, als We Are Scientists , ebenfalls aus New York, die Backstage-Wendeltreppe herunterstolzieren und mit tosendem Jubel begrüßt werden – die Leute sind hier, weil sie die drei Mittzwanziger sehen wollen.

Sänger und Gitarrist Keith Murray, mit zarten Gesichtszügen und sorgfältig verwuschelten Haaren der Mädchenschwarm der Band, ist durch eine Fußverletzung zur motorischen Zurückhaltung genötigt, was ihn aber nicht daran hindert, mit seiner Telecaster kurze, gleißende Solotexturen in die Songs zu schneiden. Drummer Michael Tapper spielt mit großer Lässigkeit vertrackte Offbeats und leichthändige Übergänge. Für Späße und launische Kommentare ist Bassist Chris Cain zuständig, der mit Pilotenbrille und Schnauzbart eine Seventies-Softporno-Ästhetik kultiviert. Mal deutet er einen Sprung vom halbmeterhohen Schlagzeugpodest an, dann sinniert er über Murrays Status als „sexiest vegetarian in the world“, den er nur von Hardrock-Mumie Rob Zombie gefährdet sieht. Stücke wie „Cash Cow“ und „It’s A Hit“, schon auf Platte prima Hits für die Indie-Disco, erstrahlen in intensiven, im Tempo dezent beschleunigten Versionen, die sich von stilistischen Vorbildern wie Maxïmo Park emanzipieren. Nach einer Dreiviertelstunde und dem fantastischen „The Great Escape“ ist Schluss: keine Zugabe, stattdessen Licht und Rausschmeißermusik. Zu meckern gibt’s hier trotzdem nichts.

KINO

Mit Hotdogs

zum Sieg

In Deutschland ist Richard Linklater durch zwei überaus romantische Filme bekannt: „Before Sunrise“ (1995) und das Fortsetzungsimpromptu „Before Sunset“ (2005): Ethan Hawke und Julie Delpy turteln erst eine Nacht durch Wien und treffen sich zehn Jahre später in Paris wieder. Die Liebe, wenn sie denn einmal – und sei es noch so leise – angefangen hat, ist etwas für immer.

Linklaters Die Bären sind los hat mit Romantik nicht viel am Hut. Es geht um Baseball und eine Horde präpubertierender Jungs, denen Teamgeist und Ballgefühl eingetrichtert wird – mit reichlich amerikanischen Klischees. Hemmungslos überzeichnet Linklater den all american Kult um Ball und Schläger, Ehrgeiz und Anerkennung. Der ehemalige Major-LeagueSpieler Buttermaker (Billy Bob Thornton) bekommt von der Übermutter Whitewood (Marcia Gay Harden) den Auftrag, ihren Sohn Toby und seine Mitspieler zu trainieren – mit dem Ziel, dem Team in der Jungens-Liga zumindest einen ehrenwerten Platz zu ergattern. Mission impossible: Das Team, ein Mikrokosmos amerikanischer Randexistenzen, versammelt einen Dicken, zwei nur Spanisch sprechende Einwandererkids, einen Computerfreak der „Sport-ist-Mord“-Fraktion, ein superkurzsichtiges Jüngelchen sowie einen Querschnittsgelähmten.

„Die Bären sind los“ ist eine politisch herrlich unkorrekte Lektion in Sachen Sportsgeist. Alles rennt, schlägt, pitcht, kippt Budweiser und verschlingt Hotdogs – mit der schönen Botschaft, dass man die Faibles der Nation auch selbstironisch inszenieren kann. Wenn die Bären sich am Ende in den Armen liegen und Billy Bob Thornton den Rest aus dem Flachmann in die Bierdose gießt, ist das nicht gerade romantisch. Aber ein Happy End . (In 13 Berliner Kinozentren, OV im Cinestar SonyCenter) Julia Amalia Heyer

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