Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Nacht

der Liebe

Die Konzertsituation könnte opulenter nicht sein. Umschlossen von ihrem Publikum – darunter Prominenz aus Kunst, Politik und Wirtschaft –, nehmen die Berli ner Philharmoniker in Starbesetzung das Podium ein. Im Licht der Übertitel und gleißenden Pultlampen bietet sich der Anblick einer dichten Menschenmenge. Da fällt es zunächst schwer, sich in ein symbolistisches Drama zu versetzen, das aus stiller Waldeinsamkeit zu einem bedrückend düsteren Wasserschloss führt.

Und doch entfaltet die geheimnisvoll-unbestimmte Geschichte um „Pelléas et Mélisande“ alsbald ihren Zauber, wenn das Mädchen seine ersten Worte sagt: „Ne me touchez pas!“ Und wenn es dann auf dieser Ängstlichkeit vor der Berührung insistiert. Denn Angelika Kirchschlager, die große Sängerin, verinnerlicht die Partie der Mélisande als ein Flüstern der Seele. Aus Salzburg, wo sie eine szenische Wiedergabe der Oper begleitet haben (vgl. Tagesspiegel vom 10. 4.), sind die Philharmoniker als hochkarätiges Debussy-Orchester in die Philharmonie heimgekehrt. Solisten haben sie mitgebracht: Robert Lloyd (König Arkel), Simon Keenlyside (Pelléas), Anna Larsson (Geneviève). Simon Rattle modelliert die kurzatmige Thematik so, dass sie sich zu unendlichen Farbenbögen summiert. Und der rezitativische Gesang wird zur Feier der französischen Sprache. Der Verlust von Mélisandes Trauring am Brunnen, die Turmszene, das Liebesgeständnis vor dem Tod: Im Hören und Schauen der angedeuteten Handlung lassen sich Bilder finden, die dem Einzelnen überlassen sind. Ahnungsvoll der Umgang des Golaud (Laurent Naouri) mit dem Kind Yniold (einem der denkbar besten Knabensolisten des Tölzer Chors): Eifersucht und Unschuld können einander nicht verstehen. Dramatik im Lyrischen. (noch einmal heute)

KLASSIK

Nacht

der Verwirrung

Der Garten, in dem das Dickicht der Gefühle und das hübsche Arrangement einander durchkreuzen, sich verheddern und schließlich neu zueinander fügen, ist hier ins Reich der Fantasie verbannt: Lothar Zagrosek und das Berliner Sinfonie-Orchester versetzen Mozarts „La finta giardiniera“ auf das Podium des Konzerthauses , wo sich das Spiel um Liebesflucht und -suche konzertant entfalten soll. Nun ist die „Gärtnerin aus Liebe“ noch nicht der „Idomeneo“, der sich allein aus der Partitur zu behaupten vermag. So ist es eine gute Idee, den Zusammenschnitt von Arien, aus dem diese Aufführung besteht, von zwei Schauspielern moderieren zu lassen, auch wenn deren angestrengt chargierender Tonfall zunächst nicht angenehm dazwischenfährt.

Als Stichwortgeber, Märchenonkel, amüsiert kommentierender Alltagsverstand und dramaturgisches Gewissen mit allerlei pointierten Lesefrüchten überzeugt dieser leibhaftige Opernführer jedoch mehr und mehr. Und dort, wo zuerst die „Genieblitze“ erscheinen, die Christian Daniel Schubarth beim 19-jährigen Mozart entdeckte, im Septett der Nachtszene, da überlässt sich auch diese Aufführung einmal ganz der Musik. Zagroseks Mozart, das zeigt beispielhaft das Erwachen aus der Verwirrung dieser Nacht, lebt in jeder Phrase, die Musik atmet aus der Sprache und transformiert sie in andere Gestalten. Erstaunlich, wie die Lebendigkeit und Dichte von Mozarts musikalischer Rede hier fühlbar wird. Unter den hervorragenden Solisten den biegsamen, warm leuchtenden Sopran von Sophie Karthäuser als Serpetta hervorheben zu wollen, ist fast schon Geschmackssache. Sunhae Im (Sandrina) und Jeremy Ovenden (Belfiore) sind kongeniale Gestalter jenes großen Liebesduetts, das den musikalischen Gipfel dieses Frühwerks markiert. Martin Wilkening

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