Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

ROCK

Sound des

Doppelwhoppers

Die Schockwellen vom Auftritt des japanischen Rockbiests Boris sind kaum abgeklungen, da rollt schon das nächste Monster in die Stadt: The Fantomas Melvins Big Band – ein Zusammenschluss zwei der größten Klopperbands des Planeten: die Melvins, angeführt vom starkstromfrisierten King Buzzo, der auch bei Fantomas in die Gitarrensaiten langt und so die Schnittmenge dieser sechsköpfigen Supergroup darstellt, sowie der Rest von Fantomas mit Ex-Faith-No-More-Brüllermann Mike Patton und Trommel-As Dave Lombardo von Slayer.

Die Luft zittert. Zu Beginn eine beschwörende Flüsterversion von Flipper’s „Sacrifice“, dann kracht es los im Kesselhaus . Laut, wild, heavy. Ein schleimig triefender, gut durchtrainierter Sound, der keine Einwände gestattet, aber auch stoßweise atmend vor lauter Gerissenheit. Mike Patton krakeelt sich durch sein Spezial-Effekt-Szenario, King Buzzo hält vor seinem Marshallturm die Stellung, und das grandios aus der Steinzeit rüberkloppende Schlagzeug-Doppel von Dave Lombardo und Dale Crover verursacht stechende Herzrhythmusschwankungen – ein im Ganzen allerliebst verfressener Doppelwhoppersound, der das Beste von beiden Bands zusammenbringt und noch über das winzigste Synköpchen schützend seine Hand hält, obwohl die Musiker fast ausschließlich bemüht sind, zwischen den schwierigsten Tempi-, Stil- und Haltungswechseln großspurige Donnerriffs auszuspucken – stampfend, wütend – ja, doch: gigantisch. Monsterlärm. Wie King Kong gegen Godzilla. Zurück bleiben Schutt und Asche.

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LESUNG

Regen überm

Nasenflötenorchester

Ein ganz normaler Sonnabend in Kreuzberg. Dabei ist Ausnahmezustand: Zum achten Mal laden Buchhändler, Veranstalter und Wirte zur Langen Buchnacht in der Oranienstraße ein. Zwölf Stunden Lesungen an 35 verschiedenen Orten. Da hat man also eben die Bona-Peiser-Bibliothek gefunden, wo Unda Hörner schon fast fertig ist, hastet weiter zu Tanja Dückers, die im ehemaligen Kaufhaus Maassen vorliest, um sich dann zu denen aufzumachen, die Literatur zum Vorlesen schreiben und in appetitlichen Häppchen vortragen.

Im Blauhaus verkünden die „Brauseboys“ kulinarische Erfahrungen. Hinterhaus und -hof sind voller lauschender Menschen, ein Würstchenstand verströmt den Duft zum Hörgenuss. Als Nils Heinrich den Zungenbrecher „Fischers Fritze“ rappt, beginnt es zu regnen. Wer nur einen Stehplatz im Hof erwischt hat, rettet sich ins SO36, wo Ulf Geyersbach eine Nachhilfestunde in „Fußballdeutsch“ gibt. Es ist mittlerweile 22 Uhr, der Regen wird stärker. Unterwegs begegnet man dem Kreuzberger Nasenflötenorchester. Die Stimmung klart auf und man beschließt, zum Abschluss noch nach dem Nachwuchs zu gucken. Im „Kuchen Kaiser“ klemmt die „Arbeitsgruppe junger Autoren“ bei vollem Restaurantbetrieb in der Nichtraucherecke. Lea Streisand

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