Kultur : KURZ & KRITISCH

Martin Wilkening

KLASSIK

Wilde Wasser,

unerschöpfliche Kaskaden

Nicht nur im Zyklus der „Vier Jahreszeiten“, sondern auch in seinem Violinkonzert „La tempesta di mare“ lässt Antonio Vivaldi uns mit den Ohren sehen. Ein Seesturm, wie er anschaulicher nicht gemalt sein könnte, tobt in den auf und nieder schießenden Läufen der Violine, die Oben und Unten durcheinander wirbeln. In Sprüngen über die Saiten wird Beieinanderliegendes zerrissen und Entferntes zusammengeworfen. Es ist die Virtuosität selbst, die, derart auf die Spitze getrieben, das erhabene Naturschauspiel mit allen seinen Schrecken verkörpert. Bei Kolja Blacher im Konzerthaus ist das nicht ohne die Anstrengung des Virtuosen zu erfahren. So wird bei allem Temperament der ästhetische Eindruck getrübt, der Kampf der Wellen erscheint auch als Kampf des Körpers des Musikers – eine Grenzerfahrung der Virtuosität, die dem Stück und seinem Thema allerdings auch eingeschrieben sind.

Bachs Violinkonzert a-moll dagegen erklingt federnd, frisch, und in dem äußerst durchsichtigen Klang der Camerata Bern erscheinen die permanent sich ineinander schiebenden Imitationen des ersten Satzes in Vivaldis Nachbarschaft nun wie die unerschöpflichen Kaskaden eines Wasserspiels, in dem das wilde Element anmutig gezähmt wurde. Dass ein Streichorchester kein vergrößertes Streichquartett ist, machen zwei Bearbeitungen durch ihr relatives Scheitern und Gelingen deutlich. Während die Orchesterfassung von Schnittkes Streichtrio immer wieder das Gefühl erzeugt, dass zu viele Spieler wie einer klingen sollen, nutzt Rudolf Barschais bekannte Transkription von Schostakowitschs achtem Quartett vor allem im Wechsel von Solo und Orchesterspiel alle Möglichkeiten des Ensembles und verstärkt den verlorenen Ausdruck dieser Trauermusik. Bei der Camerata Bern gewinnt das vielgehörte Stück geradezu etwas Rauschhaftes, in die unendliche Tiefe einer Innenwelt Versunkenes.

DESIGN

Perfekte Illusionen,

zerfetzte Träume

Die praktische Berlinerin trägt langes Kleid und Hut. Edmund Edel entwarf im Jahre 1905 das Plakat für die Modezeitschrift „Die Praktische Berlinerin“ aus dem Ullstein-Verlag. Mit 320 weiteren Plakaten aus der Zeit zwischen Kaiserreich und Nachwende-Deutschland wirbt es nun für die Ausstellung Klassenideale und Klassenfeinde . Aus der Plakatsammlung des Deutschen Historischen Museums (Pei-Bau, bis 16. Juli, tgl. 10–18 Uhr, Katalogheft 7,95 €). Der Ausstellungstitel spielt auf eine politisierte Werbewelt an. Vor 1914 war davon wenig zu spüren. Grafikkünstler wie Ludwig Hohlwein standen schon damals für die perfekte Illusion ein: Der Herr von Welt spielt Tennis und geht auf die Jagd. Sein Frack kommt von „Prince of Wales“, seine Zigaretten heißen „Duke“ oder „Dandy“. Moderne Frauen wiederum lesen, lachen und fahren Rad. Selbst die SPD treibt mit hoffnungsvoll geblähtem Segel einer schöneren Zukunft entgegen.

In Fetzen geht dieses Sozialidyll dann im Ersten Weltkrieg. Die Weimarer Republik wird zur großen Bühne des politischen Plakats, das mit Satire angreift. Erstaunlich ist, wie nahe sich Kommunisten, Sozis und Nazis dabei kommen. Im „Dritten Reich“ wiederum gibt es neben platter Hetze auch Lebensart vom Feinsten. Nach dem Krieg darf die Bundesrepublik eine Prise Wirtschaftswunder und sozialliberale Lässigkeit beisteuern, während die DDR ihren mittlerweile endgültig verblichenen Charme verbreitet.

Geschichte im Plakat: Sie ist meist vierfarbig und ein bisschen naiv. Wie titelte doch 2005 die Kampagne einer rheinischen Sektmarke?: „Auch die Luxusgüterindustrie hat unsere Solidarität verdient.“ Michael Zajonz

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