Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Klingende

Springflut

Krachmachen ist Leistungssport. Die sechs Musiker von Mogwai unterstreichen dies, indem sie zur Champions-League-Fanfare mit froschgrünen Trainingsjacken in den rappelvollen Postbahnhof einlaufen. Die Uniformierung betont den Mannschaftsgeist dieser Band, in deren komplex getürmten Krawallgebirgen kein Platz für Egotrips ist. Seit gut zehn Jahren perfektionieren die Schotten eine Art Klang gewordenen Gezeitenwechsel: Die Stücke rauscheln oft minutenlang in zarter Lautmalerei vor sich hin, drei E-Gitarren überlagern sich wie Wellenkämme einer zarten Dünung, ein E-Piano sorgt für melodische Gischtfetzen, Schlagzeug und Bass für tückische Tiefenströmungen. Unmerklich verdichtet sich der Sound, schwillt an zur unaufhaltsam rollenden Klangwoge, die nach einem Tritt auf’s Distortion-Pedal in gewaltigen Brechern auf das jauchzende Publikum einstürzt.

Die repetitive Struktur dieses kathartischen Lärms ist weder neu noch einzigartig, aber wie Mogwai daraus eine ebenso uneitle wie präzise Inszenierung machen, beeindruckt ungemein. Leider scheint der Lichtregisseur der Meinung zu sein, das optische Äquivalent zum Sound eines Kreissägewerks sei gleißendes Stroboskopgewitter. Dabei weckt dieses penetrante Blendwerk nur den Wunsch nach Sonnenbrille und/oder Kopfschmerztablette. Andererseits entfaltet die Mogwaische Lärmmassage bei geschlossenen Augen erst recht ihre Raum- und Zeitgrenzen verwischende Wirkung. Die Bandmitglieder sind übrigens nicht so leichtsinnig wie ein Teil ihrer Zuhörer: Sie tragen Ohrstöpsel. Eine weise Entscheidung.

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SKULPTUR

Wogende

Weiblichkeit

Eines seiner wichtigsten Werke darf sogar benutzt werden. Für das zum Kunst- und Kulturzentrum umgebaute romanische Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg schuf Werner Stötzer , der ostdeutsche Bildhauer, der am 2. April im brandenburgischen Altlangsow seinen 75. Geburtstag feierte, eine große, zweiflügelige Bronzetür. „Katastrophen und Idylle“ heißt der mit vielfigurigen Reliefs geschmückte Einlass. Der Titel könnte genauso gut über Stötzers gesamtem Oeuvre stehen. Die Berliner Akademie der Künste hat ihrem langjährigen Mitglied und kurzzeitigen Vizepräsident eine kleine Geburtstagsausstellung gewidmet: Märkische Steine – Wegzeichen schmücken derzeit kongenial den Innenhof des alterslosen Altbaus am Hanseatenweg (bis 31. Mai).

Acht mittel- und kleinformatige Skulpturen aus Sandstein, Marmor, Steinguss und Bronze umkreisen Stötzers bevorzugtes Thema: den weiblichen Akt. In den frühesten, Anfang der Sechzigerjahre entstandenen Skulpturen klingt noch das klassische Figurenideal seines Lehrers Gustav Seitz nach; zwei 2004/05 entstandene Torsi zeigen den Kraftmeier beinahe altersmilde und melancholisch. Was Stötzer in der Zwischenzeit erreicht hat, kann in diesem Frühjahr auch im Garten der Landesvertretung von Brandenburg (In den Ministergärten 1, bis 5. Mai) und in der Galerie Leo.Coppi (Auguststraße 83, 20. 5. - 15. 7.) besichtigt werden. Michael Zajonz

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KLASSIK

Verhaltende

Trauer

Gustav Mahler bringt in seinen Kindertotenliedern in sich gekehrte Trauer zum Klingen, bei aller Bitternis doch mit sich selbst im Reinen. Aber wenn Thomas Quasthoff beim Benefizkonzert zum 20. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl „Das Unglück geschah nur mir allein!“ singt, ahnt man, dass es solche auch tröstliche musikalische Trauerverarbeitung wie bei Mahler für das Grauen von Tschernobyl wohl nicht geben kann. Wenn Tausende von Menschen einer ganzen Region, vom Staat belogen und betrogen, Opfer einer Technikkatastrophe werden, bleibt kein Raum für persönliche Trauerpoesie, nur Bitterkeit, Gewöhnung und Resignation.

Damit gibt sich der Veranstalter des Konzerts, die Organisation der Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs aber nicht zufrieden. Im Foyer der Philharmonie informiert die Initiative über Projekte von Dorfneubauten und alternativer Energiegewinnung in Weißrussland. Die zu Beginn des Konzerts verlesenen Reportagen von Swetlana Alexijewitsch berichten über die Hilflosigkeit, mit der die Menschen dem Unglück begegnet sind, über zögerliche Evakuierung, Krankheiten, Missbildungen. Nach Musik ist einem dann gar nicht mehr zumute. Trotzdem rührt es, mit welcher Schlichtheit Thomas Quasthoff, als Contergankind selbst Opfer einer Technikkatastrophe, Mahlers Kindertotenlieder gemeinsam mit dem Orchester der Hochschule Hanns Eisler vorträgt. Und nach der Pause bietet Schuberts Oktett in F-Dur, vom Scharoun Ensemble gespielt, in seiner versteckten Bitterkeit, dem ständig verschleierten, sich nie durchsetzenden Dur noch einmal Gelegenheit zur Besinnung. Ulrich Pollmann

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