Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Tewinkel

VORTRAG

Trümmer

und Frauen

Dass Sexualität und Politik intime Verbindungen eingehen können, lässt die Demografiedebatte deutlich erkennen. Im Wissenschaftszentrum für Sozialforschung wurde nun im Rahmen der „Berlin Dialogues“ des „Center for European Studies“ der Harvard University diskutiert, wie sich das Verhältnis von Sexualität und Politik in den Nachkriegsjahrzehnten gestaltete. Der Publizist Gerd Koenen , die Historikerin Dagmar Herzog (City University of New York) und Sybille Steinbacher , die in Jena Geschichte lehrt, zeigten, wie komplex die Verbindungen zwischen demokratischem Selbstverständnis und körperlicher Intimität sind, wie lohnend die Beschäftigung mit der Sozialgeschichte der Nachkriegszeit sein kann, wenn es gelingt, den Blick frei zu halten von jedem voyeuristischen Impetus .

Während Koenen sich schweifend-allumfassend äußert und Herzog etwa darlegt, wie der freie Umgang mit Sexualität als „antifaschistisch“ propagiert wurde, obwohl gerade die Nazis die sexuelle Libertinage des Jahrhundertanfangs aufrechterhalten hatten, und hernach im Siebenmeilengang zur „neosexuellen Revolution“ der Gegenwart gelangt, entsinnt sich Steinbacher der Vorteile der Eingrenzung des Untersuchungsfeldes und des geregelten wissenschaftlichen Diskurses . Sie spricht über die „Volksgemeinschaft“, über den 1927 gegründeten Volkswartbund, in dessen Verantwortung wesentliche Gesetze zur Sexualität fielen, und die Aktion „Saubere Leinwand“.

Das Westdeutschland der Fünfziger sei nicht verklemmt gewesen. Man habe über Moralfragen diskutiert, weil es tabu war, über nationale Identität zu sprechen. Weiblicher „Anstand“ und „Unversehrtheit“ wurden an den Status der im Krieg unterlegenen Nation gekoppelt; die Entrüstung über die nackte Hildegard Knef in „Die Sünderin“ sei aus der Sorge geboren, die „gefallene“ Frau perpetuiere die Schmach der Kapitulation. Gegenfigur war die Trümmerfrau. Die Debatten über Sexualität waren Teil der Identitätsfindung nach ’45 und der Strategien, mit der Niederlage umzugehen.

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KLASSIK

Disziplin und

Hingabe

Der Moment, bevor der Finger die Taste berührt: Mikhail Pletnev vermindert den Druck, wirft Anschlagslast ab. Der russische Pianist ist ein Meister der Schwerelosigkeit. Aber die hat nichts Beliebiges, sondern beharrt auf Verbindlichkeit. Pletnev ist asketisch und akribisch, ökonomisch und exzentrisch zugleich. Er spielt nicht einfach leicht und leise, sondern tariert minutiös jeden Akkord aus. Sein Klavierspiel vereint Hingabe und Disziplin: zum präzisen, gläsernen Traumgesicht.

Im Kammermusiksaal der Philharmonie nähert sich Pletnev auf diese Weise Mozarts Klaviersonaten C-Dur (KV 330) und F-Dur (KV 332). Anders als auf seiner Mozart-CD lässt er die populäre „Alla- turca“-Sonate dazwischen aus. Pletnev rührt sich kaum auf seinem Hocker vor dem Blüthner-Flügel, erfindet Mozart neu. Nicht spontan, sondern am Ende einer langen Reise durch den vermeintlich längst erforschten Kontinent. Eine abenteuerliche Kontemplation: Die C-Dur-Sonate gibt sich bescheiden, mit abgefederten Schlüssen, sorgfältig ausgehorchten Melodien. Die Tonrepetitionen der F-DurSonate variiert er zum psalmodierenden Gebet, zum Kinderspiel, zum insistierenden Klopfgeräusch. Dem Adagio, einem in Bernstein eingeschlossenen Kleinod, folgen Allegro-Kaskaden in flirrendem Licht. Pletnevs Innehalten vor den Reprisen, seine Rubati geraten nie zur Pose. Vielmehr verstärken die Zäsuren den Puls: Stolpersteine im Fluss der Zeit.

Nach der Pause Tschaikowskys „Jahreszeiten“: Da steht die Melange aus Volkston, Innigkeit und Eleganz schon in den Noten, und Pletnev braucht nur noch die Nuancen aufzuspüren. Wie sich aus der virtuosen Geschäftigkeit die schlichte Liedmelodie herausschält. Wie der Dämmerschlaf im „Januar“ zarte Ungeheuer gebiert. Wie die Jagdhörner im „September“ ein Feenballett annoncieren. Wie aus dem sich im Raum verflüchtigenden Nachhall etwas Neues entsteht: Pletnev hat die Noblesse eines diskreten Beobachters, der hingerissen ist von dem, was vor seinen Augen geschieht. Christiane Peitz

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KLASSIK

Wiener

Weisen

Nachtmusiken, lieblich-niedlich und abgründig laut, klingen an diesem Abend in der Philharmonie . Das Deutsche Symphonie Orchester unter Edo de Waart spielt die „Serenata notturna“ KV 239 von Mozart und danach Mahlers 1904/05 komponierte siebte Symphonie in fünf Sätzen, von denen immerhin zwei mit „Nachtmusik“ überschrieben sind. Kaum mehr als Fingerübung und amuse gueule ist die Serenade. Ein vierköpfiges Streicherensemble mit schütterem ersten Geigenton (Wei Lu) gibt die Schachtel in der Schachtel, steht als überfein ziselierendes Soloquartett vor der im Hintergrund sitzenden reduzierten DSO-Streichergruppe.

Ganz hinten die Pauke – immer wieder rätselhaft, wie sie sich einmischt ins Pizzicato-Streusalz der anderen. Ob es an Mozarts vollmundiger Abtaktigkeit oder doch an de Waart liegt, dass schon der Marsch des ersten Satzes, danach das Menuett bei aller dynamischen Grazie gestampft klingen? Womöglich ist es doch de Waart. Mit leicht verdrehten Beinen vorm Orchester stehend, gestattet er immer wieder, dass Behäbigkeit Einzug hält. Und dies sogar bei Mahlers Siebter, dieser sonderbaren, aus allen Nähten platzenden musikalischen Chimäre mit ihrem zerschossenen Anfang, der de Waart fast eher geschieht, als dass er ihn kontrollierte, den Wagnerschen Schmelzanflügen, dem furchtbaren Aufbäumen, den angeschrägten wienerischen Weisen und Almidyllen, den staksenden Tänzlein und dem zuversichtlich bölkenden Ende. Trotzdem: Eine große Leistung des DSO, schon der Kraft und Länge des Werkes wegen und seiner exorbitanten Dimensionen. Christiane Tewinkel

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