Kultur : KURZ & KRITISCH

Christian Schröder

FILM

Plattenbau mit

Psychoseminar

Der Zustand des Verrücktseins übersteigt jede Vorstellungskraft. Man kann nur ahnen, wie er sich anfühlt: seltsam. „Es ist ein unglaublich schnelles Hervorbrechen von etwas“, sagt ein junger Mann mit Kevin-Kuranyi-Bart. Ein etwas Älterer schwärmt: „Die schönste Zeit ist die labile Zeit. So wie wenn man verliebt ist und nicht weiß, wie es ausgeht.“ Und eine Frau mit roten Korkenzieherlocken berichtet: „Ich hatte das Gefühl, gesteuert zu werden. Wenn ich Auto fuhr, hatte ich das Gefühl, gefahren zu werden.“ Bei einer Autofahrt nach Caputh stieg Panik in ihr auf. Würde sie Caputh erreichen, davon war sie überzeugt, würde alles kaputt sein: der Ort, ihr bisheriges Leben, die Welt. Sie schaffte es, umzukehren.

Der Dokumentarfilm Raum 4070 ist nach dem Ort benannt, an dem alle zwei Wochen in einem Potsdamer Plattenbau ein Psychoseseminar stattfindet. „Die Möglichkeit einer Psychose trägt jeder in sich“, heißt es im Abspann. „Einer von 100 Menschen bekommt eine Psychose.“ Trotzdem weiß man immer noch sehr wenig über die Krankheit. Für Psychotiker kommt die Wirklichkeit ins Rutschen, es ist ein innerer Aufruhr, der zu Selbstabkapslung und Ausgrenzung führt.In der beeindruckenden Langzeitstudie der Regisseure Jana Kalms und Torsten Striegnitz, die im Rahmen des Festivals „Ausnahmezustand“ ihre Premiere feiert (Hackesche Höfe, Sonntag, 30. April, 20 Uhr), kommen Betroffene zu Wort. Die Kranken erzählen von psychotischen Schüben, die ihren Alltag auf den Kopf stellen, von Euphorie und Erschlaffung. Ihre Angehörigen schildern Entfremdung, Sorge, Angst. Einer der regelmäßigen Teilnehmer des Psychoseseminars hat sich am Ende des Films umgebracht. Der Psychologe, der die Treffen moderiert, ringt mit der Fassung und spricht von einer „Befreiung von der Erkrankung“. Ein verstörender Film.

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KLASSIK

Bühnenleben

ohne Ende

In letzter Sekunde konnte Don Giovanni der Höllenfahrt entgehen, aber der Preis war hoch. In einem Teufelspakt hat er eingewilligt, sich als Gegenleistung bis ans Ende aller Tage auszuliefern an Regisseure, Dramaturgen, Kritiker und Sänger. So führt er ein endloses Leben auf der Bühne. Die Flötistin Andrea Klitzing hat ihm den neuesten Text geschrieben, der Schauspieler Alexander Weise leiht ihm sein Leben. Nur die Erinnerung ist Giovanni geblieben, an Eroberungen ebenso wie an die Uraufführung von Mozarts Oper in Prag. Wie eine Erinnerung erklingt auch die Musik, diesmal ohne Gesang. Der Saalbau Neukölln erweist sich als idealer Resonanzraum für die Giovanni-Paraphrasen des ensemble1800berlin . Solche Harmoniemusiken wurden einst für den privaten Gebrauch geschrieben, als es noch keine Schallplatten gab und das Bürgertum noch selber Musik machte. Diese Aufgabe ist nun an Thomas Kretzschmer (Violine), Annette Geiger (Viola) und James Bush (Cello) delegiert. Alexander Weise rast und wütet als alter Giovanni, flüstert und schreit vorm geschlossenen Vorhang. Schließlich verschwindet er eher beiläufig, stiehlt sich davon, dem weiteren, unendlichen Bühnenleben entgegen. Das wird anhalten, so lange die Künstler den Verführer so originell wiederbeleben wie in dieser Geisterbeschwörung. Uwe Friedrich

KLASSIK

Feuersglut mit

Flöten

Es heult der Höllenhund. Musikalisch wird er von den Ondes Martenot dargestellt. Damit steht Arthur Honeggers Szenisches Oratorium „Jeanne d’Arc au bucher“ (1935) auf der Höhe der Zeit, denn das elektronische Tasteninstrument wurde 1928 erfunden und von Franzosen wie Milhaud oder Varèse geschätzt. Indes sieht der Komponist der „Johanna“ seinen heiligen Stoff mit den Augen und dem Libretto Paul Claudels. Es geht also um die Sache Frankreichs, die Opferbereitschaft einer „reinen Flamme“. Die Schwierigkeit liegt darin, ein erhabenes Anliegen aus den Mitteln der Epoche zu entwickeln: Dissonanz, Aggressivität, Sprechen und Singen, Hymnik und Groteske. Ein bisschen Strawinsky, ganz von fern die „Psalmensinfonie“, ein bisschen Volkslied: Die Gutmenschenprodution krankt an der Diskrepanz zwischen Moderne und Konvention, Flötenfrühlingsmorgen und gealterter Naivität.

Das musikgeschichtliche Dokument mit allem Engagement erneut präsentiert zu haben, ist Verdienst der Berliner Singaka demie unter Achim Zimmermann , die mit dem Berliner Sinfonie-Orchester und den vielen Solisten im Konzerthaus frenetisch gefeiert wird. Johanna auf dem Scheiterhaufen, wo sie ihr Schicksal in allegorischen Situationen rekapituliert, war früher eine beliebte Rolle führender Schauspielerinnen. Bei Winnie Böwe ist sie ein Mädchen von heute. Hervorragend unter Sprechern und Sängern: Frank Seppeler, Winfried Wagner, Markus Schäfer. Beleuchtungseffekte, Kostüme, riesiger Aufwand: „Diese Feuersglut, wie schrecklich!“. Sybill Mahlke

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