Kultur : KURZ & KRITISCH

Nadine Lange

ROCK

Nenn den Namen,

den du liebst

Ein tätowiertes Herz leuchtet von Katie Sketchs linkem Oberarm. Es ist mit einem Spruchband verziert, auf dem nichts steht – kein Name, kein Liebesschwur. Doch der Text für diese Leerstelle ist schon geschrieben: Sketch singt ihn. Mit tiefer, melancholischer Stimme erzählt sie von Liebesschmerz, Verlust und Tod. Ihre Band The Organ spielt dazu einen originalgetreuen Achtziger-New-Wave-Sound. Leider ist im ausverkauften Knaack die Mischung etwas unausgewogen, so dass es Gitarristin Debora Cohen mit ihren The-Cure-artigen Pickings schwer hat, gegen den wuchtigen Bass ihrer Kollegin anzukommen. Auch das Gesangsmikro ist deutlich zu leise – die Aufmerksamkeit des Publikums dafür umso höher. Gebannt verfolgt es jeden Ton der androgynen Sängerin, deren Stimme zu Recht häufig mit Morrissey verglichen wird.

Erstaunlich piepsig klingt dagegen ihr „Thank you“ nach den Songs. Überhaupt wirkt die junge Frauenband aus Vancouver auf sympathische Art schüchtern. Ohne Show-Anteile spielt das Quintett die Lieder seines Debüt-Albums „Grab that Gun“. Besonders gut funktionieren die schnelleren Stücke wie „My heart is sinking“ und das großartige „Brother“, das jeder Indie-Rock-DJ in sein Programm aufnehmen sollte. Eine Newcomer-Band, von der man in Zukunft noch einiges erwarten kann.

* * *

KLASSIK

Komm herab

und spiel mit mir

Ein merkwürdiges Pathos umgibt die Büste Dmitri Schostakowitschs im Großen Saal des Konzerthauses : Etwas fehl am Platz wirkt sie, wie sie vom hohen Sockel durch die Ränder ihrer nach dem Leben gemeißelten Postbeamtenbrille in Richtung Orchester blickt. Am Sonnabend wurde sie Zeuge der Aufführung eines Spätwerks des Meisters durch das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin ; Dirigent war Michail Jurowski, als Solist hat man den Bassisten Arutjun Kotchinian vom Ensemble der Deutschen Oper Berlin geladen. Zur Aufführung kam die Suite nach Gedichten Michelangelos. Es hat mit Schostakowitschs Identifikation mit dem dichtenden Bildhauer zu tun, dass auch das Pathos dieses Werks hohle Stellen aufweist. Kotchinian, der die Zuhörer mit seiner urgewaltigen, in zarten Passagen aber klug gebändigten Stimme für sich einnimmt, will dem Komponisten mit seiner treuherzig geradlinigen Textinterpretation durchaus nicht vom Sockel helfen; erst in der letzten Nummer gelingt es Schostakowitsch – dank einer irritierend in Reflexionen zur Unsterblichkeit einmontierten Kindheitskomposition –, zu den Sterblichen herabzusteigen. Nach der Pause spielt das glänzend aufgelegte Orchester Tschaikowskis Manfred-Sinfonie: weniger das düstere Porträt eines zerrütteten Helden, als eine energiereiche, strahlend saubere Interpretation. Carsten Niemann

KLASSIK

Stehen bleiben

und genießen

Dass Schuberts und Bruckners Sinfonien aus demselben Holz gewachsen sind, ist keine neue Erkenntnis. Der streicherselige Klang, das motivische Kreisen, die geradezu manischen Wiederholungen, alles schon da in Schuberts Zweiter, ins Monumentale gewendet in Bruckners Siebter. Die ästhetische Verwandtschaft zwischen dem beginnenden und dem ausgehenden 19. Jahrhundert macht Dirigent Georges Prêtre mit einem simplen Trick deutlich: Er lässt das grandios aufgelegte Deutsche Sinfonie-Orchester in der Philharmonie einfach spielen. Dabei hat der 82-jährige Maestro solch unbändigen Spaß am gemeinsamen Musizieren, dass er dem Orchester zwar die nötigen Einsätze gibt, oft aber auch einfach dasteht und den grandiosen Streicherklang genießt. So entstehen große Bögen und architektonischer Zusammenhalt, weil Prêtre weiß, dass er der Musikalität des Orchesters vertrauen kann. Nicht frei von effektvollen Dirigiergesten, hält er sich doch fern von jeder Effekthascherei. In Bruckners Sinfonie dürfen die spärlichen Melodien aufblühen, wird die Verbindung zur Tradition der klassisch-romantischen Form hörbar. Weniger langweilig geht es nicht. Uwe Friedrich

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