Kultur : KURZ & KRITISCH

Michael Zajonz

KUNST

Gut gefälscht

ist halb verkauft

Gute Klischees sind hartnäckiger als die Wirklichkeit. Beim Thema Kunstfälschung denkt man unweigerlich an Eigenbrötler, die in supergeheimen Kellerateliers van Goghs nachmalen. Das Kunstgewerbemuseum im Schloss Köpenick demonstriert mit einer Kabinettausstellung (bis 27. August) , dass gefälschte Spitzenwerke in Kunsthandel, Sammlungen und Museen nur den geringsten Teil der strittigen Stücke ausmachen. Und dass die Grenzen zwischen arglistiger Täuschung und möglichst täuschender Replik fließend sind. Anhand der im 19. Jahrhundert weltweit beliebten italienischen Renaissancemöbel wird die wertentscheidende Frage diskutiert: Original, Kopie oder Fälschung? Ganze vier Möbel präsentiert die Ausstellung: den Kabinettschrank, um 1550 in Venedig entstanden; die um 1890 als Pasticcio aus Originalteilen des 16. Jahrhunderts zusammengefügte Kredenz; einen aus altem Holz gefälschten Tisch, den Wilhelm von Bode um 1900 als Original erwarb; die 1910 in Berlin angefertigte Kopie der Hochzeitstruhe der Strozzi. Deren Original gehört dem Kunstgewerbemuseum und wird seit 1945 vermisst. Ironie der Geschichte: Auch die Strozzi-Truhe war nicht unberührt. Ein Florentiner Kunsthändler gestand Bode nachträglich, dass er sie aus zwei verschiedenen Fragmenten zusammengesetzt hatte.

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KLASSIK

Gut gehört

ist halb gesehen

Stummfilme mit Livemusik sind schwer in Mode. Bei der Vorführung von Mays Klassiker Asphalt (1929) ist die Komische Oper allerdings nur zu 10 Prozent gefüllt. Ob’s an der mageren Werbung des Hauses liegt? Das Deutsche Filmorchester Babelsberg lässt die Musik von Karl-Ernst Sasse schon in den Vorspann hinein erklingen. Mays Film zeigt wunderbare Bilder des alten Berlin und bietet raffinierte Überblendtechniken auf, um die Situation eines Schutzpolizisten im Verkehrschaos spürbar zu machen. Der Polizist verfängt sich dann in eine unheilvolle Liebesgeschichte mit einer Schönen, die er des Diebstahls überführt. Die Dame becirct ihn so erfolgreich, dass er seine Dienstpflichten glatt vergisst. Als der Polizist auch noch den eifersüchtigen Liebhaber erschlägt, zwingt ihn das Gewissen, seinen Eltern alles zu beichten.

Etwas holzschnittartig vielleicht, doch durch die Musik wird der Film zum Vergnügen. Manfred Rosenberg dirigiert traumwandlerisch sicher (und ohne Synchronisationshilfen via Kopfhörer). Immer wieder kommt die Musik genau auf den Punkt. Etwa, wenn pünktlich zur Entdeckung eines gestohlenen Diamanten das Glockenspiel „pling“ macht. Wunderbar auch die betörenden Saxofonpassagen – ein wenig mehr Aufmerksamkeit hat diese Stummfilmreihe schon verdient. Ulrich Pollmann

Demnächst „Der letzte Mann“, 26. Mai

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