Kultur : KURZ & KRITISCH

Christoph Funke

THEATER

Ein Wagner

steht im Walde

Seine Geheimnisse hat das althochdeutsche Hildebrandslied, überliefert in einer Handschrift von 850, nicht preisgegeben. „Ik gihorta dat seggen“, Ich hörte das sagen, so beginnt die Aufzeichnung und bricht mit dem Beginn des Zweikampfes zwischen Vater Hildebrand und Sohn Hadubrand ab. Im Theater an der Parkaue verdichtet Lothar Trolle den familiären Konflikt zum zeitlosen Krieg der Generationen. Sein bildmächtiger, aber auch angestrengter Text streift durch Geschichte und Mythologie, mischt die Zeiten und stürzt immer wieder aus hymnischer Höhe in banalen Alltag ab.

Der deutsche Wald ist da, Schwerter klirren, Flüsse werden überwunden und Schlachten geschlagen. Hadubrand fordert Taschengeld, Hildebrand will seine Mittagsruhe. Regisseur Sascha Bunge stellt Das Hildebrandslied auf eine tief gestaffelte Bühne und arbeitet mit zwölf Schauspielern und zwölf Jugendlichen aus Berliner Schulen – und dieser Chor ist das Ereignis des Abends. Die Jungen und Mädchen kommentieren die alte Geschichte, bringen sich in sie ein, verstehen sie und verstehen sie nicht. Die Schauspieler, für die sozusagen seriösen Abläufe verpflichtet, erfüllen ihre Aufgabe solide und geschickt, zu WagnerSound und schemenhaften NibelungenFilm-Sequenzen auf dem Video-Vorhang. Abbilder, die schnell erkennbar sind, soll es nicht geben, aber dafür bleibt manches rätselhaft und undurchschaubar, die eigentliche Geschichte wird so lange gedreht und gewendet, bis sie fadenscheinig wird und nicht selten kindlich-komisch daherkommt (nächste Vorstellungen am 10. Mai, 18 Uhr, und 11. Mai, 10 Uhr).

KLASSIK

Wer hören will,

muss wissen

Da-da-da-daaa. Da ist es wieder. Das Beethoven-Schicksals-Orakel. Konditioniert wie ein Pawlow’scher Vierbeiner, belauert man das Tastenspiel Stefan Litwins , während der mit gebieterischer Ruhe Charles Ives mächtige „Concord, Mass., 1840-1860“-Klaviersonate domestiziert. Ausführlich hatte Litwin zuvor in seinem Gesprächskonzert im Wissenschaftskolleg einen Zugang zu diesem sperrigen Klangkoloss der amerikanischen Moderne geschaffen. Nichts für Weichlinge, diese Musik, sagte der amerikanische Freizeitkomponist Ives seinerzeit.

Eine Form, die das viersätzige Wuchergewächs handlich zubereiten würde, gibt es nicht. 1905 begonnen, ist es weniger Sonate als Metamorphose ohne jede Wiederholung. Ereignisse, assoziative Stimmungen reiht Ives in diesem programmatischen Werk über Schriftsteller und Philosophen aus dem Dunstkreis des Transzendentalismus der amerikanischen Stadt Concord aneinander. Schroffe Dissonanzgebilde wechseln mit verwehten Anklängen an Choräle, flotten Ragtimes und volkstümlichem Seemannsgut. Und immer wieder Beethoven.

Nicht nur dessen fünfter Sinfonie huldigt Ives ungeniert. In seiner Gigantomanie, die jede Motiventwicklung in den Raum jenseits aller Grenzen führt, zitiert Ives vor allem Beethovens Hammerklaviersonate. Litwin erzählt von diesen Welten. Das Wissenschaftskolleg wird zum Hörsaal, der Pädagoge Litwin entbrennt im Eifer für Ives. Dann sitzt er am Flügel und spielt mit derselben analytischen Klarheit. Wie viel von der Hör-Nachhilfestunde übrig bleibt, mag unterschiedlich sein. Aber eines haben alle gehört: da-da-da-daaa. Britta Richter

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