Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

KLASSIK

Landschaft

mit Klanggewächsen

Ob klangliche Opulenz den Schrecken in der Musik befördert? George Benjamin dirigiert in der Philharmonie gleich zwei zeitgenössische Werke, die das für sich in Anspruch nehmen. Wolfgang Rihms „Marsyas“ für Trompete, Schlagzeug und Orchester ist vom gleichnamigen Satyr inspiriert, dem im Mythos die Haut bei lebendigem Leibe abgezogen wird. Und manche der harten Schläge des Stücks lassen denn auch einige Hörer zusammenzucken. Aber die hinter der Solotrompete (Gábor Tarkövi) kunstvoll mäandernden Orchesterklänge wecken eher Freude an der Klangkultur der Philharmoniker , als dass sie Entsetzen hervorrufen.

Farbiger und offenkundig von der französischen Musik inspiriert lässt sich da „Ringed by the Flat Horizon“ hören – der 20-jährige Benjamin wurde damit 1980 schlagartig berühmt. Das Benjamins Lehrer Olivier Messiaen gewidmete Stück beschwört eine gespenstische Landschaft herauf, in der dann unversehens doch Klanggewächse aller Art einen exotischen Charme evozieren. So manche üppig schwelgende Blechbläserfigur, die zu Beginn des Konzerts schon in Messiaens Frühwerk „L’Ascension“ zu bewundern war, findet auch hier ihre Ableger.

Benjamin dirigiert sparsam, präzise und gänzlich uneitel. Als Experte für das 20. Jahrhundert gehört er mittlerweile zur ersten Garnitur. An der Tatsache, dass opulente dissonante Klänge als Ausdruck für Verstörendes in der neuen Musik ihr Verfallsdatum längst überschritten haben, vermag er an diesem Abend wenig zu ändern. Dafür darf zum Schluss Maurice Ravels „Rapsodie espagnole“ ganz ungeniert in philharmonischer Farbpracht schwelgen. Reichlich herzlicher Beifall.

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KLASSIK

Gendarmenmarkt

mit Silbernoten

Golfschläger? Hightech-Autoscooter? Sechs silberne Notenskulpturen der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ grüßen derzeit den Passanten auf dem Gendarmenmarkt. Drinnen aber, im Konzerthaus , liegt an diesem Abend Beethovens sperriges Tripelkonzert auf den Pulten. Seine Oberfläche wird nie so schön einheitlich glänzen wie die polierten Notenmobile vor der Tür. Sowohl die Solistinnen als auch der Dirigent Constantinos Carydis werden für größere Karrieren gehandelt, hier müssen sie sich profilieren, indem sie zueinander finden.

Die Geigerin Mirijam Contzen tut es mit vibrato- und ausstrahlungsreichem Ton (worunter die Intonation bisweilen leidet). Die Cellistin Sol Gabetta hingegen beharrt auf den kammermusikalischen Aspekten des Stücks, wobei viele ihrer gestalterischen Ideen in Ton und Impuls zu klein geraten. In der ungünstigen Akustik des Parketts geht sie oft unter. Und Mihaela Ursuleasa (Klavier) macht mit etlichen schroff bärbeißigen Akkorden gar noch ein weiteres Fass der Beethoveninterpretation auf. All diese Fliehkräfte vermag Carydis geschickt zu bändigen. Dennoch wirkt er erleichtert, in Schostakowitschs Sechster mit dem Orchester der Komischen Oper seine Visitenkarte alleine abgeben zu können. Carsten Niemann

FIGURENTHEATER

Beelzebub

und Teufelstanz

Eine Armee von Hintern hängt an Fleischerhaken über der Bühne. Anstößig, prall und rosarot. Es ist die Manufaktur des Satans, und einer der Braten ist gar. Der niederländisch-brasilianische Puppenspieler Eduardo de Paiva Souza hat hier seinen eigenen Beelzebub geschaffen. In der Schaubude gebiert er die menschengroße Schaumstofffigur des Leibhaftigen, schenkt ihr Augenlicht und Stimme, leiht ihr seine Beine und bringt sie schließlich zum Tanzen. Graziös und majestätisch zugleich.

Leben und Tod gehören zu den meistverarbeiteten Stoffen des modernen Figurentheaters. Die Kunst des Puppenspielers besteht darin, der Puppe nicht nur Leben einzuhauchen, sondern ihr Energie, Intelligenz und einen eigenen Charakter zu geben. Paiva hat unter anderem japanischen Butohtanz studiert. Das enorme Körperbewusstsein des Tänzers scheint sich im Spiel auf die Puppe zu übertragen, die vor den Augen der Zuschauer mit dem Spieler verschmilzt. Es ist bald fraglich, wer hier wen lenkt, und man bekommt Mitleid mit dem Satan, dem ein anderer im Nacken sitzt.

Waren die Tanzeinlagen in Paivas erstem Soloprojekt „Angel“ noch eher Beigabe, wird der Körper und sein Potenzial in Morningstar zum Thema erhoben. Während Neville Tranter, der gefeierte niederländische Puppenspieler und Meister Paivas, sich als Diener seiner menschenähnlichen Puppen begreift, stellt Paiva sich gleichberechtigt neben seine textilen Spielpartner – und kämpft, tanzt und schläft mit ihnen. An diesem Abend gewinnt er. Aber man hat das Gefühl, dass es beim nächsten Mal auch anders sein könnte. Lea Streisand

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POP

Flüsterton

und Lärmattacke

Isobel Campbell stand nie im Verdacht, ein ausgeprägtes Stimmvolumen zu besitzen. Schon bei ihrer früheren Band Belle & Sebastian war die zarte Schottin eher für melodische Arabesken zuständig. Im Magnet Club scheint ihr Organ vollends im Äther zu verschwinden. Der Mann am Mischpult braucht vier, fünf Stücke, um ihr pergamentenes Flüstern aus dem verhaltenen Sound der vierköpfigen Begleitband herauszuschälen. Auf ihrer jüngsten Platte „Ballad Of The Broken Seas“ liefert sich Campbell hinreißende Duette mit Mark Lanegans kellertiefem Organ: der Nancy Sinatra / Lee Hazlewood-Effekt. Live wird Lanegan von Eugene Kelly ersetzt. Kellys einfühlsames, bisweilen an Leonard Cohen erinnerndes Gebrummel passt fast noch besser.

Musikalisch pendelt der Auftritt zwischen dem elfenhaften Folkpop von Campbells Solodebüt „Amorino“ und burschikoseren, countrylastigen Songs. So klingt der Engtanz-Klassiker „Love Hurts“ mit Steel Guitar fast nach Truckerkneipe. Gelegentlich bearbeitet Isobel Campbell in John-Cale-Manier ein Cello – soviel Mut zum Lärm hätte man ihr kaum zugetraut. Letzte Zugabe ist „Son Of A Gun“, der bekannteste Song von Kellys glückloser Ex-Band The Vaselines. Eine hübsche Verbeugung vor einer bewegten Historie. Jörg Wunder

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