Kultur : KURZ & KRITISCH

Britta Richter

MUSICAL

Wenn Sehnsüchte

liegen bleiben

In jedem Leben steckt eine Geschichte, heißt es an der Neuköllner Oper , die mit „Create your life!“ gerade vier Berliner Leben musikalisch porträtiert: den Kaufhauserpresser Arno Funke alias „Dagobert“, die Künstlerin Noa Jordan, die Wirtin Barbara Palm und den Pharmareferenten Nicolà Tölcke (wieder heute sowie am 9., 15., 16., 22. und 23. Mai, jeweils 20 Uhr). Die Musik stammt von Paul Graham Brown, Stephan Bruckmeier setzt vier Darsteller in Szene. Das Ergebnis passt zum Thema: authentisch, lebendig, liebenswürdig. Wie immer im Leben sind die Protagonisten auf der Suche nach sich selbst, nach Glück, Geborgenheit, Einmaligkeit. Die übliche Packung eben.

Dass das Ganze nicht in peinlich berührende Lebensbeichten abrutscht, ist vor allem den Librettistinnen Maja Das Gupta und Nina Schneider zu verdanken. Sie schauen sich die Geschichten von hinten an und notieren die liegen gebliebenen Sehnsüchte der Protagonisten: Arno Funke, der „nichts ist und nichts kann“. Noa Jordan, die Visionärin, deren Zukunft schließlich als „Phoenix“ aus der Asche ihrer Vergangenheit ersteht. Oder die schönste Geschichte: Barbara Palm, die sich nach dem Tod ihres Mannes nur langsam aus der Trauer befreien kann. Ein Abend der kleinen Leute mit großen Träumen.

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KUNST

Mal Frauen ein

Denkmal setzen

Es gibt Ausstellungen, die bringen ihre Sache auf den Punkt, gerade weil sie einen eher labyrinthischen Charakter haben. Die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst etwa beschwört gerade künstlerische Selbst- und Fremdbilder. Und da wird den zehn beteiligten Künstlern bei weitem nicht nur der Sexy Mythos von Schaffenskraft und Schöngeisterei abverlangt (Oranienstraße 25, bis 21. 5., Mo.–So. 12–18.30 Uhr).

Die „Fiction Artists“ in einer mehrteiligen Videokompilation von Christoph Girardet und Volker Schreiner etwa heißen Michel Piccoli, Rock Hudson oder O. W. Fischer. In der vergleichenden Montage quer durch die Geschichte des Künstlerfilms wirkt ihr Stöhnen, Wüten und selbstvergessenes Pinseln bestürzend stereotyp. Ähnlich die „Marienhof“-Malerin aus der gleichnamigen Vorabendserie, der Annette Hollywood auf Video und Aquarellen ein ironisches Denkmal setzt. Die Frauenquote in der Bildenden Kunst ist niedrig. Sibylle Zehs „Künstlerinnenlexikon“, ein Reclam- Nachschlagewerk, in dem die Männernamen geweißt sind, wird so zur kargen Lektüre. In eine Art Selbstreportage überführt hat die Estin Kai Kaljo den manchmal frustrierenden Künstlerinnenalltag – stundenlang E-Mails schreiben und Videokassetten kaufen. Man möchte das Beuys-Zitat umdrehen: Jeder Künstler ist auch nur ein Mensch. Jens Hinrichsen

COMEDY

Mal ungestört

zu Wort kommen

„Na, ihr Teufel?“ Unprätentiöser kann keine Show beginnen. Ein Typ mit Army-Käppi, altem T-Shirt und Jeans – und einer Tränenpalast -Bühne, auf der gerade mal ein paar Lampen angeknipst wurden. Fil ist der Kumpeltyp unter den Comedians: einer, der nur darauf wartet, auf einer ausklingenden Party mal ungestört zu Wort zu kommen. Und das dann gnadenlos ausnutzt. Mit einem Programm, das prinzipiell unrhythmisch ist – und das genau daraus seinen brüllend komischen Humor bezieht.

Jede Anekdote wird hier noch während des Erzählens kaputtinterpretiert, keine Gitarrenbegleitung kommt ohne umständliche Erklärungen aus. Die Nummern mit Sharkey, der Handpuppe in Form eines Hais, sind Höhepunkt der Absurdität – und Höhepunkt der „Fil & Sharkey Show“ (wieder heute sowie am 10. und 11.5.): Weniger Mühe, die Illusion einer zweiten Figur zu kreieren, hat sich noch kein Bauchredner gemacht. Die Zwiegespräche mit Sharkey funktionieren deshalb so gut, weil die Beziehung zwischen Puppe und Redner ständig auf eine Metaebene gehoben wird: „Du sprichst mich doch, Fil! Wie erbärmlich ist es eigentlich, sich von seiner rechten Hand Liebeslieder singen zu lassen?“ Ziemlich erbärmlich, in der Tat. Aber auch unheimlich komisch. Richard Kropf

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POP

Wenn Überleben

Spaß macht

„All the way from New York City, ladies and gentlemen: Garland Jeffreys !“ Ein kleiner, drahtiger Mann in Schwarz, dem man seine 62 Jahre nicht ansieht. Vielleicht eher anhört, die entsprechende Lebenserfahrung in der Stimme, im Phrasing, im Ausdruck. Garland Jeffreys, der in den siebziger und achtziger Jahren sehr geschätzt wurde, neben Elvis Costello, Joe Jackson und Graham Parker, zu denen er mit seinem Big-City-Rock’n’ Roll in enger musikalischer Verwandtschaft stand. Nach seinem letzten Album „Don’t Call Me Buckwheat“ 1992 hat man ihn aus den Augen verloren.

Jetzt ist er wieder da, mit neuem Plattenvertrag nach all den Jahren, singt im Quasimodo : „I’m Alive!“ Und beweist, wie zeitlos gut auch die Songs von damals noch wirken. Begleitet von einer exquisiten Band: Bass und Schlagzeug, Orgel/Piano und zwei vorzügliche Gitarristen, die wie eine solide Wand stehen, während der Frontmann ins Publikum springt und zwischen Fans und Biergläsern auf diversen Brüstungen und Erhöhungen herumturnt. Zwischendrin, unplugged und sitzend, der pure Blues von Skip James, mit zwei Akustikgitarren. Bevor sie wieder die Luft mit elektrischer Energie aufladen. Mit den alten Hits: „Matador“ und „Hail Hail Rock’n’Roll“. Garland Jeffreys hat überlebt und ist so lebendig, dass gegen ihn etliche gefeierte junge Rockposeure alt aussehen. H.P. Daniels

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