Kultur : KURZ & KRITISCH

Martin Wilkening

KLASSIK

Zwei Violinen

im Echoraum

Doppel- und Tripelkonzerte sind in der Musikgeschichte keine allzu große Seltenheit. Aber wie werden eigentlich die sieben Bläsersolisten beschäftigt, die Frank Martin in seinem Konzert einem noch dazu um solistische Pauken und Schlagzeug erweiterten Streichorchester gegenüberstellt? Drei Sätze hat das 1949 entstandene Werk: Im ersten sind die Farben splitterartig gemischt, bewegt durch eine rhythmische Energie, deren Elan im Reigen der Solisten ganz und gar unwiderstehlich wirkt. Dann kippt das Ganze um ins Genrebild eines Ravel’schen Spanien, und fortan dominiert über schleichenden Ostinati die viril schnatternde Trompete – bis zum Pauken-Finale im letzten Satz.

So uneinheitlich das Werk, so bravourös die Präsenz der Solisten des Rundfunk- Sinfonieorchesters im Kammermusiksaal der Philharmonie. In Jörg Widmanns „Insel der Sirenen“ spielte Konzertmeister Rainer Wolters das Solo. Ein Solo, das durch zwei Echo-Violinen über den Raum hinweg reflektiert wird. In schwindelerregender Höhe, gleichzeitig nah und fern, präsent und doch körperlos, vermittelt sich hier der anziehende Sog einer völlig jenseitigen Gewalt. Über die Jahrhunderte, wenn man so will, macht Widmanns hochauratische Komposition etwas von jener überirdischen Kraft spürbar, die gerade bei Mozart immer wieder packt: Mit wunderbaren Schattierungen ließ das RSB unter Lothar Koenigs inspirierter Leitung schließlich seine große g-moll-Sinfonie als imaginäres Theater aufleuchten.

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KLASSIK

Die Überquerung

des Atlantiks

Fast hat es den Anschein, als spielte das Deutsche Sinfonie-Orchester an diesem Sonntag die richtige Musik zur aktuellen Politik. Merkel und Christiansen bei Bush – und auch in der Philharmonie werden gewissermaßen transatlantische Beziehungen ausgeleuchtet: mit „Son et Lumière“ des amerikanischen Gegenwartskomponisten Steven Stucky, mit Dvoraks Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ und mit Edvard Griegs Klavierkonzert, gespielt von Lars Vogt . Leonard Slatkin , Chef des National Symphony Orchestra Washington und Dirigent des Abends, hatte sich in den vergangenen Jahren stets geweigert, sich auf typisch amerikanische Programme festlegen zu lassen. Dass Griegs Opus 16 bei den Berlinern zuletzt vor 31 Jahren (!) gespielt worden ist, muss allerdings auch für ihn ein Argument für die Gegenüberstellung gewesen sein.

Es ist zweifellos schwer, sich in die ungezählten Versuche einzureihen, diesem wahrlich durchdeklinierten Werk noch neue Erkenntnisse abzugewinnen. Lars Vogt am Klavier geht die Sache offensiv an. Er ist, so scheint es, mit dem renitenten Entdeckergeist eines Humboldt gesegnet und schaut hinter jede Note, als spiele er sie tatsächlich zum allerersten Mal, ja als riefe er seinem Publikum mehr als einmal zu: „Schaut her, dieser Ton!“ Etwas erregend Nervöses liegt in seinem Spiel, das Gegenteil von Routine. Sein Musikmachen strömt eine starke Aura aus, man kann es buchstäblich nicht nicht wahrnehmen. Mit einer geradezu ungeheuerlichen Energie stürmt der 1970 geborene Pianist voran. Lässt die aufgestauten Spannungen sich in tosende Klangwellen entladen – um gleich darauf liebreizendste Pianissimi zu hauchen. Dem im Schönklang badenden Idylliker Slatkin wäre er wohl so manches Mal im Tempo ausgebüchst, hätte dieser es zugelassen – und auch das DSO wäre gern entfesselter zu Werke gegangen. Britta Richter

KUNST

Weg mit

dem Sofa

Die Künstlerin Philine Sollmann filmt in Barcelona einen Tänzer vor einer Mauer aus Beton. Ihre Kollegin Katrin Korfmann baut auf einem Platz in San Sebastian eine achteckige Skulptur, streicht deren Wände blau und filmt, was die erstaunten Passanten in ihrer Ratlosigkeit in dem Gebilde so treiben. Auch Sofia Hultén filmt: Man sieht, wie jemand ein Sofa in Echtzeit in seine Einzelteile zerlegt. Dazu hat Hultén einen grauen Vorhang in den Raum gehängt, welcher aus einem Stoff genäht wurde, der dem Sofabezug offenkundig ähnelt. Bliebe noch Oliver Croy – immerhin ein aktueller Berlin-Biennale-Teilnehmer: Croy filmt nicht, sondern kombiniert Immobilien- mit Pornoanzeigen.

So banal sich das alles anhört, so banal ist es auch. Was die Akademie der Künste derzeit unter dem Titel Vorläufige Durchsuchung als Werkschau der Kunst-Stipendiaten im Rahmen ihrer Nachwuchspflege, der so genannten Jungen Akademie , präsentiert, ist so dünn in seiner Substanz, dass einem der Humor schon mal abhanden kommen kann (Hanseatenweg 10, bis 21. 5.; Di – Sa 14 - 20 Uhr, So 11 – 18 Uhr). „Eine der zentralen Aufgaben der Akademie der Künste“, heißt es in der Ankündigung, sei es, „die Entwicklung von jungen Künstlern zu fördern“. Wer bisher nicht recht verstanden hat, worin die gegenwärtigen Probleme der Akademie der Künste bestehen, der erhält hier Nachhilfeunterricht. Hinter der großen Geste, mit der man dort aufzutreten pflegt, befindet sich: zu wenig. Erschütternd. Ulrich Clewing

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COMEDY

Die miesesten Witze

der Welt

Es geht um die Wurst in der neuen Show der Travestiekünstlers Ades Zabel im BKA Luftschloss . Einerseits um die sehr spezielle Leberwurst, die Zabels Alter Ego Karin Hoene von ihrer Haushälterin (mit fahrradschlauchdicken Krampfadern: Bob Schneider) aufs Brot geschmiert bekommt. Andererseits aber geht es um das Schicksal der gesamten Menschheit. Denn Hoene, frustrierte Grundschullehrerin mit Helmfrisur, strebt die Weltherrschaft an. Sie bringt die „HT-Bombe“ an sich, eine Massenvernichtungswaffe mit Trageriemchen. Sogleich treten die Mächte des Guten auf den Plan. Die Jagd nach der Bombe beginnt. Croco Diabolo – der Tod lauert in der Handtasche heißt dieser charmante Trashtheaterabend (bis 28. 5.; Mi – So, außer 4., 11., 18. 5.), prall mit schrillen Gesangseinlagen und zweideutigen Sprüchen. Die schwarz-weißen Filmsequenzen im Edgar-Wallace-Look, die als Übergänge zwischen den Spielszenen stehen, erinnern an den Klamaukkrimi „18:15 ab Ostkreuz“, in dem Zabel gerade im Berlinale-Panorama als Neuköllner Miss Marple zu sehen war. Stefan Kuschner spielt den irren Killer Klaus Minski und den General von Zitzlewitz, beide verknallen sich in des Bombenbauers Tochter Martina (sehr mädchenhaft: Biggy van Blond), die die zwischenzeitlich zurückeroberte Taschenbombe an die glamouröse Drag-Queen Gilda Gold verliert.

In deren Stammhaus, der „Bar zum Krokodil“, reißt ein Transentrio genüsslich die miesesten Witze der Welt: „Ist das ein Handy in deiner Tasche oder freust du dich, mich zu sehen?“ Der furiose Showdown von Zabels selbstironischem Live-C-Movie findet im „Castle Karin“ statt. Hier wird Martina vor der Wurstmaschine gerettet, hier geht, kawumm!, die Bombe hoch und sprengt Karin Hoene in ihrem Weltherrscherinnencatsuit ins All. Aber dort bleibt sie nicht lange… Jan Oberländer

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