Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniel Völzke

POP

Ein Fehler kommt

selten zur falschen Zeit

Wohlklang ist eine Koordinationsfrage. Das weiß die achtköpfige Band Architecture In Helsinki , die auf ihrem aktuellen Album „In Case We Die“ über 40 Instrumente benutzt. Besonders live sind die Australier, die nie in Finnland waren, gefordert. Nachdem schon die amerikanische Indie-Country-Gruppe Tilly And The Wall in der Maria am Ostbahnhof mit einer das Schlagzeug ersetzenden Stepptänzerin auf Außergewöhnliches vorbereitete, packt der Architecture-Haufen eine ganze Armada von Klängen aus. Die acht bimmeln und trommeln, blasen und flöten, schnippen und schnalzen. Immer wieder tauschen sie die Instrumente, huschen über die Bühne und ziehen stets im rechten Moment das richtige Glöckchen, die passende Rassel aus der Tasche.

Der Gesang, der auf den Alben etwas dünn und angehaucht in der Luft hängt, bündelt live als Geröhre die polyphone gute Laune und die vielen Tempiwechsel zu einem stimmigen Ganzen. Bandleader und Wirbelwindbändiger Cameron Bird wirkt in kurzen Hosen bubihaft und dabei doch mit zerknautschtem Gesicht wie ein weiser Tom Waits. Bei ihrer Show vermeiden Architecture In Helsinki Fehler nicht nur nicht, sie wollen sie machen. So versuchen sie sich an einem kuriosen Kraftwerk-Cover, scheuen nicht schallende Chöre und protzige Stomper. Zum Ende der Zugabe holen sie sich Fans auf die Bühne – 30 Leute tanzen dort, und eine Finnin aus dem Publikum schmettert über Marschmusik die finnische Nationalhymne. Es klingt schrecklich. Ein großartiger Abschluss eines großartigen Abends.

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COMEDY

Ich wünsch dir

Liebe ohne Leiden

Schon der Titel ist reine Paartherapie. „Ab heute verliebt!“ haben Malediva ihr neues Programm genannt. Ihre Aufforderung richten die frisch gebackenen Träger des Deutschen Kleinkunstpreises nicht etwa an frustrierte Großstadtsingles, sondern an all die Langzeitbeziehungen, die nach Jahren einer Schrägstrichehe vergessen haben, warum sie eigentlich mal ihre Lebensentwürfe aneinander gekoppelt hatten. Die beiden Chansonneure, die auch privat verpartnert sind, wissen, wovon sie reden und singen: von unlösbaren Geschmacksdifferenzen bei Wohnungsausstattung und gemeinsamem Kinobesuch, von diametral entgegengesetzten Ansichten über Zimmerlautstärke und Hygienestandards. Über all die Kleinigkeiten, aus denen sich der Beziehungsalltag zusammensetzt und die tagtäglich zu beweisen scheinen, dass man eigentlich überhaupt nicht zueinander passt. „Du kannst mich lieben oder hassen, aber wasch dir vorher bitte die Hände“, zicken sich Lo und Tetta an, „früher haben wir noch viel gestritten – heute lohnt sich das nicht mehr“, wird drauflosgegiftet.

Dennoch steht in der Bar jeder Vernunft (bis 8. Juli, Mo/Di um 20.30 Uhr) keinen Moment in Frage, dass die beiden trotzdem mit jeder Faser aneinander hängen und dass diese fruchtlosen Meckereien nur eine etwas masochistische Art sind, Zärtlichkeiten auszutauschen. Ritualisierte Wortbalgereien, die im Grunde von beiden genossen werden, weil dahinter das große „Trotzdem“ der Liebe leuchtet wie ein knallroter Luftballon. Ein paar solcher Liebesliederballons, die ihr Pianist Florian Ludewig mit einer guten Portion Gefühl vertont hat, lassen die Malediven sogar steigen – natürlich nur, um die Harmonie anschließend wieder mit ihren spitzzüngigen Tiraden zu durchlöchern. Weil sich die Liebe nach ein paar Sticheleien gleich viel besser anfühlt. Jörg Königsdorf

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AUSSTELLUNG

Papa trinkt Bier,

Mama ist krank

„Verflüssigungen“ betitelt Adrienne Goehler ihr soeben veröffentlichtes Buch in Anspielung auf den Begriff der „flüssigen bzw. flüchtigen Moderne“ des Soziologen Zygmunt Bauman. Diesen Aggregatzustand postmoderner Befindlichkeit präsentiert derzeit eine Ausstellung im Kunstraum Kreuzberg (Künstlerhaus Bethanien, Mariannenplatz 2, bis 11. Juni, Di – So 12 – 19 Uhr). Unter dem Motto Liquid Matter vermitteln hier 20 Künstler ein Bild künstlerischer Produktionsbedingungen im Berlin der neunziger Jahre. Ausgangspunkt sind die „Schnapsideen“ des rumänischen Künstlers Dan Mihaltianu, dessen konzeptuell angelegte Installation Relikte der großväterlichen Schnapsbrennerei vereinigt. In der Anhäufung des Trivialen symbolisiert das so genannte „Liquid Archive“ auch die Verwässerung eigener kultureller Werte und Erinnerung. Mihaltianu gehört der 1990 in Bukarest gegründeten Gruppe SubREAL an, die nach 1989 als erste den Anschluss an die westliche Kunstentwicklung vollzog. In ihrer 2004 entstandenen Video-Performance ist der künstlerische Aderlass sinnfällig praktiziert.

Das albanische Künstlerduo Flutura & Besnik Haxhillari erzählt seine Geschichte der Migration und kulturellen Authentizität symbolträchtig, aber mit der ihm eigenen Transparenz des Plexiglaskubus. Ampelio Zappalorto hingegen inszeniert einen „Narrentanz“ als androgyn-fragmentierte Identität. Per Mausklick folgt man Franz John auf seine Reise entlang der Mauer – ein charmantes Lehrstück über die „Interzone“ von Ost und West. Aus eben diesem Berlin der Neunziger – Inspirationsquelle und Schmelztiegel einer internationalen „Spurenlegung“ – schöpft die Stadt noch heute ihre kulturpolitische Liquidität. Anne Haun

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